family affairs

Mittwoch, 29. Juli 2009

was hab ich mir dabei nur gedacht?;-)

wenn´s draußen noch taghell ist, geh ich schlafen, ich bestell mir wiener schnitzel, auch wenn ich das sonst nie esse und ich mag nicht mehr am bauch liegen, obwohl ich ja eigentlich sonst nur so einschlafen kann.
*
fehlen eigentlich nur noch die rührseligen anfälle, aber daran arbeite ich!

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Sonntag, 12. Juli 2009

trennung auf probe?

heute hab ich beschlossen, dass ich meine eltern nur mehr getrennt voneinander besuchen werde. wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich mich da unbedingt gerecht teilen will. zerfransen hab ich schon ein bisschen geübt.
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Sonntag, 10. Mai 2009

wir stören doch nicht ...

teenie1: "wenn ich sechzehn bin, mach ich was ich will!"
teenie2: "ich bin erst dreizehn, da muss ich noch drei jahre warten!"
teenie 3:"ich bin fünfzehn, für mich ist es nur noch ein jahr!"
teenie 4:"wenn mir einer gefällt, küss ich den schon!"
teenie 5, hört sich verdächtig nach dem a. an: "spielen wir jetzt endlich strippoker?"
der h:"wir stören die eh nicht, da können wir ruhig am balkon sitzen bleiben!"
ich: "wir gehen jetzt spazieren, das hab ich dem a. schon gesagt!"
der h: "na geh, lass uns noch den wein austrinken!"
der a: "mama, wann geht ihr jetzt endlich?"
ich erlaube mir, noch dreieinhalb teller in die küche zu tragen.
der a: "kannst du nicht nachher aufräumen?"
soviel zum thema nicht stören;-)

ps: die affentorte war wider erwarten ganz ausgezeichnet. foto folgt.
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Sonntag, 21. Dezember 2008

friedenszins

hörl hießen die hausmeister. die frau immer im schlafrock, immer zur hälfte gefärbte, ausgewachsene dauerwellen und eine schrille stimme dazu. ihr mann unheimlich, immer im unterhemd, als kinder haben wir uns gebührend gefürchtet. der sohn kam auch noch ab und zu vorbei, er sei des öfteren "straffällig" erzählte man einander. und dass man eigentlich nicht lang danach fahnden müsste, wer denn nun den schönen löwenkopf beim stiegenaufgang abmontiert und verkauft hätte.

die familie w. im ersten halbstock, alle sehr klein und alle sehr blass und alle sehr rund. mit der tochter spielten wir nie. die frau daneben lebte sehr zurückgezogen, das sei nur deshalb so gewesen, weil sie sich so für ihren sohn geschämt hätte. der wäre doch der namensgleiche terrorist gewesen, ob ich das nicht gewusst hätte, eröffnete mir meine schwester viel später. zeitlich wär´s möglich, in den siebziger jahren las ich allerdings noch wenig zeitung. und die erinnerungen meiner schwester stimmen erst recht nicht immer.

im ersten stock dann endlich ein mädchen, das wir - wenn auch selten - besuchen durften. die eltern beide schauspieler, die mutter muss einmal eine schönheit gewesen sein. die waren aber daheim alle sehr still, gleichsam verhuscht wirkten sie ohne bühne.

viel eingebildeter die ehemalige volksschullehrerin daneben und damit genau unter uns. wenn eure oma da ist, wackeln bei mir jedesmal die luster, beklagte sie sich lautstark. bis heute stelle ich mir hofratswitwen genau so vor. es hat einfach nicht jeder eine omi, die einen mit viel hallo durch die zimmer jagt. noch dazu konnte man bei uns damals im kreis laufen - also vom vorzimmer ins schlafzimmer ins kinderzimmer ins wohnzimmer ins vorzimmer, das fehlt bei den heutigen grundrissen völlig.

im zweiten halbstock die dame, die halt viel herrenbesuch habe, wie meine eltern das umschrieben. später hatte sie dann einen sehr großen hund statt ihres zuhälters. und war immer ausgesprochen freundlich zu uns.
daneben die besitzer der autowerkstätte im hof, denen sah ich lange in die küche hinein, deshalb weiß ich, dass er zu hause auch feinripp bevorzugte. selbst im tiefsten winter.

wir wohnten dann im zweiten stock, das waren immerhin schon achtundsiebzig stufen ohne lift. der wurde erst eingebaut, als ich schon lange ausgezogen war. albträume von stiegenhäusern, in denen man nur entweder hinunter oder hinauf gehen kann. bis heute mag ich die escherbilder mit stufen am liebsten.

kinderwägen unten abzustellen, war natürlich verboten.
später woche für woche das gepäck fürs wochenende hinunter, am sonntag abend wieder hinauf. urlaubsreisen hatten immer ein etwas anstrengendes ende. und im winter trug mein vater im winter jeden zweiten freitag nachmittag das öl von der nächstgelegenen tankstelle in zwei kanistern hinauf. in ca. 5 durchgängen mindestens. als wir groß genug waren, ihm dabei helfen "zu dürfen", waren wir nicht gerade glücklich darüber. bei meiner mutter mussten wir sowieso unserer meinung nach viel zu viel mithelfen. und das waren auch lauter sachen, die wir nicht ausstehen konnten.

mir wiederum sah später die frau deutsch ins fenster meines fünfeckigen neuen zimmers, das aus dem "kalten zimmer", am anderen ende der wohnung mit 13 für mich geschaffen worden war. das war aber eine so liebe, feine alte dame, dass es nichts ausmachte.
die nummer vom kz konnte man auf ihrem unterarm sehen, nicht dass sie die hergezeigt hätte, aber da meine mutter sie alle zwei wochen zum kaffee einlud, merkten wir es irgendwann.

ihr sohn lebte in england, den hatte sie noch auf einem kindertransport mitschicken können. nach ihrem mann wurde nicht gefragt. sie brachte uns immer süßigkeiten mit, es war uns peinlich. welche schokolade esst ihr am liebsten, wollte sie einmal wissen. kochschokolade, sagte ich sofort, da muss ich schon fünfzehn gewesen sein. sonst hätte ich nicht gewusst, dass die am billigsten war.

zum glück erzählte meine mutter der frau deutsch einmal vom lustigen zufall, unseren allerweltsnamen auf den fensterrahmen entdeckt zu haben. sie hätte immer gedacht, wir wären mit denen verwandt, meinte die frau deutsch. sie sei froh und jetzt glaube sie auch, dass es nicht so sei. die hätten sie nämlich angezeigt. damals.

mit der frau g. über uns war die frau deutsch wiederum nicht gut, aber aus einem späteren grund. die beiden waren nämlich nach dem krieg fast freundinnen geworden. aber als die frau g. sie einmal gebeten hätte, ihr einen tisch aus der bei der frau deutsch eingestellten küche des damals schon in jerusalem amtierenden bürgermeisters zu überlassen, hätte die ihr das nein nicht verzeihen können. erst als die frau deutsch gestorben war, ließ der sohn dann alles entrümpeln.

das ehepaar neben uns waren die kohouts aus böhmen - und ich erfinde auch das nicht: er war schneider und sie köchin. eine ganz ausgezeichnete, manchmal schmecke ich noch die selbergemachten mohnnudeln, die sie uns oft am abend herüberbrachte.
sie höre unser klavierspiel gerne, versicherte sie meiner mutter oft. und das obwohl wir wirklich stümperhaft spielten. bei ihr drüben zu sein, war wie bei einer zweiten großmutter zu sein. nie habe ich sie unfreundlich erlebt, sie wurde bald witwe und selber fast hundert. bis zum schluss kümmerte sie sich auch noch um ihre nussbäume in ihrem nicht weit entfernten garten.

zu meiner standesamtlichen hochzeit kam sie noch hochbetagt, die kirchliche sei zu weit weg für sie, ob ich das auch gelten lasse, fragte sie. als sie mich plötzlich siezte, weil ich doch erwachsen geworden war, und ich sie energisch bat, das zu unterlassen, gab sie mir ein bussi. mit tränen in den augen, ich hab es gesehen.

die barfrau von oberhalb war eine besonders imposante erscheinung. ihr begneten wir oft mit ihren zwei chow-chows. auch wenn sie nicht zur arbeit sondern nur die hunde äußerln ging, waren die blonden locken hoch aufgetürmt, der mund stark geschminkt und ihre augen hätten mit und ohne schminke auch an die frau davis erinnert ... ich glaube, sie war eine sehr gute barfrau.

meine eltern sind zwanzig jahre nach mir von dort ausgezogen. die frei werdenden wohnungen in bester lage werden dann immer sehr rasch saniert und sehr teuer wiedervermietet. die meisten, die noch friedenszins zahlten, sind heute tot. manchmal schaue ich zu den fenstern hinauf, nur ob da licht brennt.
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Dienstag, 21. Oktober 2008

halloween seit 10 jahren?

1998: der a. kam ganz begeistert vom kindergarten nach hause - mama, wir brauchen einen kürbis! warum? weil halloween ist! weil was ist? na, halloween - und da ...
das muttertier hielt das für ein lösbares problem. war es damals auch - bereits im siebten geschäft fand ich irgendwo einen verschrumpelten, aber gerade noch für einen dreijährigen beschnitzbaren kürbis. keinerlei sonstigen accessoires - damals überlegte ich ernsthaft eine kleine autofahrt ins weinviertel - dass es dort immer schon kürbisse gab, war mir entfernt geläufig. ich bin sicher - ich war unter den ersten, die bei uns mit dem unsinn anfingen.

1999: die kürbisbeschaffung gestaltete sich bereits etwas einfacher - ich wusste ja vom vorjahr, welche gut sortierten supermärkte vielleicht anonym auch kürbisse in mittlerer qualität - wenn auch nicht im zwanzigsten hieb - führen.

2000: halloween im kommen - es gab kürbisse in mehreren geschäften.

2001: es gab auch schon kleine teelichter, die wie ein kürbis aussahen.

2002 bis 2007: halloween muss gefeiert werden! siebenjährige wollen kürbisse mindestens gemeinsam auf einer halloween-party beschnitzen. die messergröße ließ ich kindgerecht mitwachsen. mein bestand an alten leintüchern schwand jährlich - ich hab jetzt nur mehr ehemalige geisterkostüme als putzfetzen. unvergesslich speziell 2003: freund g. erzählte seine gruselgeschichte derartig packend, dass die leicht verwunderten eltern dann 7 weinende achtjährige antrafen. schlechtes timing ...

2008: mama, ich will heuer auch eine halloween-party machen! seid ihr dafür nicht schon zu alt? nein, alle fragen, ob ich heuer eh wieder eine mache! (... wobei ich ein wenig relativ ist). aber höchstens mit 5 anderen kindern!
und jetzt ist meine halbe wohnung bereits mit spinnweben, fledermäusen und kürbissen vollgestellt. den mittlerweile dreizehnjährigen soll aber auch sonst einiges geboten werden: gruselmusik, gruselgeschichten, gruselfondue (wobei ich nur zu den blutrünstigen saucen, und keinesfalls zum gruselig eingebeizten fleisch mein ok gegeben habe), gruselkim, gruselsuchen und was immer ihm/mir bis samstag noch so einfällt. zu alt finden sie sich jetzt eigentlich nur zum an die türen klopfen und zuckerl schnorren. was irgendwie beruhigend ist - da ich das verständnis meiner nachbarn für kreischende dreizehnjährige eine woche vor halloween nicht wirklich überstrapazieren will.

ps: altersgemäße gruselgeschichten werden gerne entgegengenommen;-)
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Montag, 29. September 2008

die bessere wahl;-)

angetreten mit drei klaren programmpunkten:

- wer um 16:30 seinen kasten braucht, soll nicht bis
17:30 aufs aufsperren warten müssen

- bei schriftlichen prüfungen sollen kaugummis wieder
erlaubt sein - zur konzentrationsförderung

- an heißen tagen muss wassertrinkengehen in
erhöhtem ausmaß erlaubt werden

ist der a. heute ganz knapp zum klassensprecher gewählt worden.
obwohl ein freund alexander van der bellen auf den wahlzettel geschrieben hat. und diese stimme damit ungültig war, obwohl sie aufgrund des richtigen vornamens natürlich auch gewertet hätte werden können.

die entscheidung war also hauchdünn - und nach den statuten wurde es bei stimmengleichheit das jüngere kind. was im vorliegenden fall um eineinhalb wochen zutraf;-)
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Mittwoch, 6. August 2008

sos

sms - abenteuercamp 1.tag: "hallo mama, könntest du mir bitte noch geld schicken, da wir 25 euro für schlüssel und sonstige sachen abgeben mussten".
sms - abenteuercamp 2. tag: "hallo mama, hab mir das band am linken fuß gezerrt."
sms - abenteuercamp 3. tag:"hallo mama, hab aus versehen scheiße gebaut. vielleicht muss ich was zahlen. hab eine wand ein bisschen kaputt gemacht. hab´s den betreuern eh schon gesagt. ps: ruf jetzt bitte nicht zurück"
sms - abenteuercamp 4. tag: - ?
man soll ja den tag nicht vor dem abend loben - aber kein abenteuerliches sms bisher ...
*
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Sonntag, 6. Januar 2008

alt werden, aber richtig!

als kind wusste ich genau, was eine familienschönheit ist: die tante steffi. eine familienschönheit muss ziemlich dick sein und karierte schürzen tragen. gut kochen konnte sie auch, in ihrer wohnung trauten wir uns allerdings kaum, uns zu bewegen.
einer der gründe dafür war der onkel tikwart, ihr zweiter mann. ich muss schon erwachsen gewesen sein, als ich drauf kam, dass tikwart gar kein vorname ist. dieser onkel wiederum ging als der brennende onkel in die familienchronik ein, wiewohl ich die geschichte nur vom hörensagen kenne, da ich bei der hochzeit meiner eltern natürlich nicht dabei war. bei der hochzeit meiner großeltern war ich dagegen schon dabei, aber das führt jetzt zu weit.
jedenfalls wollte der onkel tikwart seine kostbare virginia nicht vergeuden,und sie daher keinesfalls während der trauung unbeaufsichtigt in irgendeinem aschenbecher liegen lassen, also steckte er sie kurzerhand in seine hosentasche. vermeintlich nicht glühend. die zeremonie wurde durch unfeierlichen feuerlichen geruch ein wenig getrübt, erzählten die anderen tanten immer mit einer gewissen schadenfreude. schließlich waren sie alle nicht die familienschönheiten.
irgendwann verstarb der onkel tikwart, und da entschloss sich die tante steffi ins tal und ins altersheim und damit auch näher zu meiner großmutter, ihrer jüngsten noch lebenden schwester zu ziehen. wir besuchten sie oft, mittlerweile verstand ich schon auch, dass die tante steffi tatsächlich einmal sehr hübsch gewesen sein musste. jede woche ließ sie sich auch im altersheim die haare machen, und sie war immer tadellos gekleidet, jetzt halt ohne schürze.
nach ein paar weiteren jahren stellte sie uns den onkel ernst vor. den hatte sie im park kennen gelernt. ein paar jahre jünger,schon ein wenig schwerhörig, aber - und das war das schönste - immer noch mit eigenem auto unterwegs. bei allen familientreffen achtete jeder andere verwandte sorgfältig aufs kennzeichen aus v, keiner wollte mit dem onkel ernst streiten müssen, weil er immer auf gehör ausparkte. oder vielleicht auch mehr auf gefühl. der onkel ernst war das beste, was der tante steffi passieren hatte können. fast jeden tag stellte er sich ein, um sie zu einem ausflug abzuholen, zum essen auszuführen,oder um einfach nur spazieren zu fahren. der rest der verwandtschaft war begeistert - bis auf meine großmutter. "jedesmal vergessen sie, ein fenster zuzumachen!", "wie komm ich überhaupt dazu, dauernd meine wohnung herzuborgen?", jammerte sie meine mutter an. da war die tante steffi auf jeden fall schon 80.
und eines tages verkündete die tante steffi, aus dem altersheim wieder aus- und mit dem ernst zusammenziehen zu wollen. "bist du verrückt? du weißt ja gar nicht worauf du dich da einlässt?", fiel noch unter die milderen reaktionen. das könne sie sich nicht mehr zutrauen, wer weiß, wie lange der onkel ernst noch so agil sei, sie habe doch seit jahren schon keinen supermarkt mehr betreten müssen ...
die tante steffi ließ es sich ausreden, der ernsti kam weiterhin. und die wohnung meiner oma haben die beiden aufgesucht bis die tante steffi gestorben ist.
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Montag, 17. Dezember 2007

die kann das? wirklich?

fragte der vater meiner freundin schwer verwundert, als sie ihm von ihren neuen von mir genähten vorhängen erzählte. ja die kann das, sagte meine freundin, und weiß natürlich nicht, wie stolz ich war, als ich von meinem großvater mit fünfzehn meine erste eigene nähmaschine geschenkt bekam, ein besonders schönes und teures modell, das auch noch für diese vorhänge gut genug war.

Welcher Tag ist heute?
Heut ist Weihnachten, Omi, wir haben doch gerade erst die Lichter am Baum gelöscht.


nähen hab ich nicht in der schule gelernt, sondern bei meiner großmutter, und das war bei weitem lustiger. wenn ich irgendwas vom handarbeitsunterricht mitbrachte, warf sie nur einen kurzen blick darauf, schüttelte den kopf, fassungslos, welchen blödsinn "der hoschpel" - und damit meinte sie selbstverständlich nicht mich, sondern die handarbeitslehrerin - schon wieder angerichtet/verursacht hätte. dann wurde alles aufgetrennt und neu gemacht. bei ihr hatten wir immer schon auf allen maschinen nähen dürfen, einschließlich der nicht elektrischen, bei der mich der riesige unterkasten am meisten beeindruckte. nur gegen die in der schule verschnittenen stoffe war sie machtlos, aber da bei uns sowieso immer stoffe in unmengen angekauft wurden, ersetzte sie halt auch die.

Ah ja, meine Lieben, na Hauptsache wir sind gesund. Kann ich was zum Trinken haben? Welcher Tag ist heute?
Heut ist Weihnachten, Omi, deshalb bist du doch bei uns.


am anfang wusste ich die nähkünste meiner omi noch nicht richtig zu schätzen - immer schaute ich anders aus als die anderen, höchstens gleich mit meiner schwester - und das fiel absolut nicht unter "cool", wenn wir dieses wort damals schon gehabt hätten. allein - in der fünften klasse gab es bei uns misswahlen aller art, an denen sich sämtliche burschen mit hingabe beteiligten. als ich dann das dritte mal zum bestangezogenen mädchen gewählt worden war, beschloss ich es endlich zu glauben, und ein weiterer grundstein für mein - böse zungen nennen es übersteigertes - selbstbewusstsein war gelegt.

Ah ja, Leo, wer sind denn die Leute da?
Das ist deine Tochter und ihr Mann, und das sind die Anna und die Klara, deine Enkelinnen.
Nein, na geh, so groß schon. Und von wem ist das Kind? Hast du zwei Töchter, Klara?
Nein Omi, das ist ein Bub, das ist der Florian. Wir sind die Töchter von der Herta. Die Herta ist deine Tochter.


meine omi hat immer genäht, ihr hat es ihre lieblingsschwester beigebracht. sie war das letzte von sieben kindern in einem bergdorf, hineingeboren noch in den ersten weltkrieg. die anderen schwestern wurden noch nach holland zum arbeiten geschickt, nur die vorletzte, die lieblingsschwester, nicht mehr, die war schon sterbenskrank. der lieblingsbruder wäre gern friseur geworden, das hat der urgroßvater nicht erlaubt, da schoss er sich mit sechzehn in den kopf.

Ah ja, welcher Tag ist heute?
Heut ist Weihnachten, Omi, wir haben doch gerade die Geschenke bekommen.


beim rodeln hätte sie immer gewonnen, hat meine großmutter früher oft erzählt, und dass sie selber dann gleich nach der volksschule (das waren aber acht klassen) den herrn lehrer verführt hätte und nicht etwa umgekehrt. selbstverständlich war der herr lehrer dann auch ihr erster mann und der erste nazi im ort war er wohl auch. mit dem ist sie dann ins tal gezogen, in den markt hinunter, und wir hätten natürlich alle keine ahnung, wie es denn so gewesen sei in den dreißiger jahren, wir sollten nicht blöd daher reden. neununddreißig das erste kind, kein weiteres sollte folgen. nur ein einziges mal hat meine mutter den lehrer gesehen, und kann sich nur an eine tobende gestalt erinnern, der mit der vierjährigen wohl nichts anfangen konnte.

Ah so, ich bin ja so vergessen, na macht nichts, Hauptsache wir sind gesund. Wo ist denn da das Klo?
Nur gerade nach hinten, die erste Tür.-
Wieso sind wir hier, Leo?


nach dem krieg hätten sie vom nähen gelebt, von einem bauernhof zum nächsten seien sie gezogen, das kind immer dabei oder im weg, je nachdem welche der beiden frauen die geschichte nun weitererzählt. dann habe der hannes bei ihnen gewohnt, der sei ein säufer gewesen, sagt die mama, aber einen hund habe er ihr geschenkt, deshalb hätte sie ihn sehr gern gehabt. über den sprach meine großmutter grundsätzlich nicht.

Weil heute Weihnachten ist, das ist deine Familie, die haben uns eingeladen.
Wo sind wir, Leo?
Wir sind in Wien, Greti, weil heute Weihnachten ist.


in den siebziger jahren ließ meine großmutter endlich den lehrer für tot erklären, da heiratete sie den leo. der konnte alle fahrräder und nähmaschinen reparieren, und der war immer unser großvater, einen anderen kannten wir nicht, und mir scheint das fast besser so.

Ah – heut ist Weihnachten – weiß ich doch, kann ich noch was zum Trinken haben?
Es ist genug, Greti, das weißt du doch, du sollst nix trinken.
Ich hab Durst, welcher Tag ist heute?


außer nähen konnte meine omi noch hervorragend geschichten, die nie aufhörten, erzählen und eine handvoll gerichte kochen. dass die ziemlich genau aus schnitzel, kroketten, nusstorte, selbstgezogenem apfelstrudel und lebkuchen bestanden, fanden wir als kinder ernährungstechnisch absolut ausreichend. meine mutter weniger, aber die ist auch sonst viel ernster.

Heut ist Weihnachten, Mama, merk´s dir doch!
Ich merk mir nix mehr, ich weiß es eh. Die Dirndln sind groß, sind das deine?
Nein, ich bin die Klara, du bist meine Omi, die Herta ist deine Tochter.


nie hab ich meine omi ein wirklich unfreundliches wort sagen gehört, nie hab ich erlebt, dass sie irgendetwas nervös gemacht hätte. alles haben wir bei ihr dürfen, nur bei der sirene mussten wir wieder da sein. ein paar wesentliche andere fertigkeiten wie schwimmen, radfahren, reiten, schifahren haben wir letztlich auch bei ihr gelernt. und indirekt verdanke ich ihr mein klavier, denn das habe sie sich für meine mama vom mund abgespart, als die unbedingt eines haben hatte wollen. deshalb darf ich es jetzt nicht hergeben, alle anderen haben zwar im gegensatz zu mir keinen platz mehr dafür aber bedeutendere erinnerungen daran als ich.

Jaja, weiß ich doch, aber zu wem gehört jetzt wieder der Johannes?
Er heißt Florian, Omi, er ist das Kind von der Klara.
Na geh – wie die Zeit vergeht. Na Hauptsache wir sind gesund. Welcher Tag ist heute?


heute hat meine omi altzheimer im letzten stadium - wer die krankheit kennt, weiß, was da noch alles dazu gehört ...
der leo ist zwar jünger, aber jetzt auch schon weit über achzig und pflegt sie fast ganz allein. so hätte er sich´s nicht vorgestellt, sagt er manchmal, aber ein bisschen von dem, was sie ihm gegeben hätte, das gäbe er jetzt zurück.
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Mittwoch, 9. Mai 2007

heimat, am 8.5.

Nein, es gebe nichts Neues, und das sei ja eigentlich ganz gut so, sagte die Schwester meines Vaters und lächelte. Ich sehe sie selten, als Kind mochte ich sie nicht besonders. Mittlerweile fühle ich mich dort wohler, und sie ist die Einzige, die gerne erzählt, woran sie sich erinnert.
Rückwärts tasten wir uns jedes Mal voran, sie ging noch in Pension, bevor es „überhaupt Computer gab“.
Immer kommt die Flucht vor, immer fallen ihr neue Details ein. Mein Vater sei noch einmal zurückgefahren, erzählte sie diesmal, den Nähmaschinenkopf, mit dem die ganze Familie durchgebracht werden hätte sollen, hätte er aber nicht mitgebracht, nur wertlose Kleidung. Immer zeigt sie uns die Fotos, die wenigen, die sie hat, die anderen hätten ihr noch abgeraten, sie solle doch etwas Nützlicheres in ihren Rucksack geben.
Aber die anderen hätten auch gedacht, es sei nur für ein paar Wochen, den Kasten mit dem Schmuck hätte die Mutter nur abgesperrt. 48 sei die Mutter dann gestorben, bald darauf fing die Tante mit einer Fleischhauerlehre an, etwas anderes wäre laut den Verwandten nicht möglich gewesen.
Mein Vater riet mir immer sehr heftig ab, mich mit „irgendeinem Verein“ einzulassen. Er ist älter als meine Tante, er ging zu Kriegsbeginn schon ins slowenische Gymnasium. Die vornehmen Slowenen hätten damals alle deutsch gesprochen, die Deutschen hätten ihre Kinder in die bessere slowenische Schule gegeben, wenn sie denn die Sprache ausreichend beherrscht hätten. Die Schule wurde dann in eine deutsche Schule umgewandelt, und mein Vater bekam lauter Fünfer – sogar einen in Turnen. So kann man natürlich auch aus der Schule fliegen, in der HJ hätte die Herkunft aber keinen gestört, sagt mein Vater auch manchmal. Später maturierte er dann doch in Österreich gemeinsam mit den Kriegsheimkehrern. Die seien nicht mehr viel gefragt worden, und in Deutsch hätte die ganze Klasse über „Vergessen, eine Pflicht oder eine Schuld“ schreiben müssen.
Mein richtiger Großvater warf sich 1937 vor einen Zug, die Begründungen dafür weichen stark voneinander ab – aus Verzweiflung, aus Angst, wegen Spielschulden, ich weiß es nicht. Auf einem Foto sieht man die Mutter mit den Kindern an der Hand über eine Brücke gehen – sie kehren vom Begräbnis des Vaters zurück, da war meine Tante vier und mein Vater acht.
Jedenfalls durften die Onkel alle nicht mehr arbeiten – Halbjuden mit Berufsverbot. Wenn meine Tante von den Verwandten spricht, die ich alle nicht kennen, die alle längst tot sind – sagt sie immer dazu: „Der war ein Nazi, der war ein Erznazi, der war ein Jude, der war ein Antisemit.“ Als ich noch fast ein Kind war, besuchten wir einmal einen Cousin meines Vaters, der war zur Abwechslung ein Kroate.
Unsere Familie ist später oft nach Marburg gefahren. Aus dem Auto ausgestiegen sind wir aber selten.
**
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auch wenn WEIHNACHTEN vorbei ist:


heinz szolarz
my vienna!

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