A-DER KRIMI - was bisher geschah ..

Dienstag, 9. August 2011

DER KRIMI - bisher erschienen


damit das nachlesen einfacher wird, verspreche ich, diesen text halbwegs aktuell upzudaten ...- im menü rechts unter A-DER KRIMI ... auch in zukunft nachzulesen.

hier also alles bisherige im ganzen UND mit datümern


1. Irgendwann im Frühjahr


Diesmal habe ich ein gutes Gefühl. Kein Mann, keine Kinder, alles überschaubar. Ich habe sie am späten Nachmittag entdeckt, ihr Büro liegt ein wenig unter Straßenniveau, niemand zieht dort die Vorhänge zu.

Die ersten Nächte sind am anstrengendsten. Meine taube Mutter denkt, mein Freund sei in der Stadt, wenn ich nicht heim komme.

Bei ihr war ich mir schon nach wenigen Tagen sicher, sie verlässt ihre Wohnung immer um viertel acht. Am Weg zur U-Bahnstation öffnet sie ihre Handtasche noch einmal und kontrolliert, ob sie ihr Handy dabei hat.

Ihre letzten ausgehenden Anrufe waren vier Mal Marianne, drei Mal Susi G und zwei Mal Petra. Keine Eltern. Die SMS und die ausgehenden Gespräche gingen sich beim ersten "Ausborgen" nicht mehr aus, schließlich musste ich das Handy ja noch rechtzeitig zurück legen.

Sie steigt ein Mal um, manchmal kauft sie sich dabei ein gefülltes Weckerl. Wenn sie zu Mittag Essen geht, kauft sie nichts.

Was sie an ihrem Schreibtisch macht, ist mir egal, ich werde schriftlich kündigen.

Ihre Freundinnen trifft sie im Kaffeehaus. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, wie ich sie weg locken werde. Ein paar e-mails habe ich schon geschrieben, selbstverständlich ohne Rechtschreibfehler und in einem sehr gepflegten Deutsch. Ich nenne mich Georg und bin Schönheitschirurg. Sie wird sich demnächst auf einen Kurzurlaub einlassen.

Während ihrer Arbeitszeit sitze ich gerne auf der kleinen Bank schräg gegenüber, wenn das Wetter es erlaubt. Ich lese viel, nach jeder halben Seite werfe ich einen Blick auf den Firmeneingang. Gegen 16 Uhr etwas öfter.

Ich habe bereits sechs Kleider, die fast so aussehen wie ihre. Demnächst gehe ich zum Frisör, meine Haare sind zum Glück heller, Bleichmittel mag ich nicht.

Ihre Schlüssel habe ich schon, die Wohnung ist klein und ordentlich. Ein bisschen zu viel Nippes, aber der ist schnell entsorgt. Es gibt keinen Hausmeister, es kommt nur jeden Montag eine Reinigungsfirma. Ihren rechten Nachbarn halte ich für einen Vietnamesen, gegenüber wohnen Studenten. Es ist ein großes Haus. Anfangs werde ich die Stiegen steigen, statt den Lift zu benützen, und ich werde wenig ausgehen.

Finden Sie nicht auch, das man gegen Ende dreißig seine eigenen vier Wände haben sollte?

2. Samstag, 1.Juni, 11:00



Ich habe Iris verloren. Oder sagen wir, die Frau, die sich Iris nannte. Das wäre alles nicht passiert, wenn ich am Freitag nicht Geburtstag gehabt hätte.

Ich war ein wenig müde, als ich die Ankunftshalle in Schwechat betrat. Vielleicht hätte ich sie nicht so breit anlächeln sollen, aber was hätten Sie getan, bei einer äußerst attraktiven Frau mit einer langstieligen roten Rose in der Hand und einem ein wenig zerknitterten großen Zettel auf dem "Georg" steht. Vorausgesetzt Sie heißen so.

Sie lächelte zurück und fiel mir um den Hals. Sie roch sehr angenehm. Ich hätte sie auch nicht gleich küssen müssen. Zumindest keine viereinhalb Minuten lang.

Ich bin ein langweiliger Mensch. Ich habe genau zwei Freunde, die ich beruflich bedingt nicht gerade häufig sehe. Ich arbeite seit zwanzig Jahren im sogenannten ehemaligen Ostblock als Programmierer. Irgendwann habe ich ein sehr nützliches Tool für Banken entwickelt, das verkauft sich sogar jetzt noch gut.

Ich dachte, meine beiden Freunde hätten sich das einfallen lassen. Sie hatte einen Pilotenkoffer dabei, sie begleitete mich hinaus zu meinem Auto. Und nahm am Beifahrersitz Platz.

Wohin fahren wir? fragte sie, da waren wir schon auf der Südautobahn. Nach Graz, da wohne ich. Nur nach Graz? Fürs erste.

Meine Wohnung ist der ärgste Saustall, dachte ich, da können wir unmöglich hin. Meine zwei wunderbaren Freunde würden vor der Tür stehen und mitfeiern wollen. Ich möchte lieber mit ihr allein bleiben. Dachte ich.

Sie fände das lustig, dass ich mich für meinen Beruf geniere, sagte sie. Ich konzentrierte mich auf ein Überholmanöver und antwortete, ich lebe sehr gut davon. Das könne sie sich vorstellen, Schönheit habe eben ihren Preis. Aber ich müsse keine Angst haben, sie denke an keine Veränderung in dieser Hinsicht. Sie sei schon richtig, murmelte ich, also richtig hübsch, wenn ihr dieses Kompliment nicht zu platt wäre.

Ziemlich genau da fing ich an zu lügen. Ich weiß auch nicht, warum. Ich sei erst vor Kurzem von meiner Frau verlassen worden, behauptete ich, sie hätte noch nicht einmal alle ihre Sachen abgeholt. Die Kinder wären gerade bei der Oma, und sie verwirkliche sich jetzt selbst in Indien. Iris solle sich also nicht wundern, wie chaotisch mein Haus im Moment sei.

Im Stillen entschuldigte ich mich bei meiner Schwägerin. Zu meinem Bruder habe ich ein recht distanziertes Verhältnis, zu ihr ein viel herzlicheres. Außer dass sie mich dauernd verkuppeln will. Nur hält das keine Frau aus, dass ich nie da bin. Auch sie hätte mir Iris schicken können, dachte ich, ihr würde so eine Aktion auch einfallen können. Aber die ganze "happy family" war noch eine Woche im Urlaub auf den Seychellen. Und ich würde diesmal keinesfalls aufs Blumengießen in ihrem repräsentativen Haus vergessen.

3. Samstag, 1. Juni, 03:00



Schön langsam mache ich mir Sorgen. Sie müsste längst zurück sein. Zumindest wenn sie die letzte Schnellbahn genommen hat. Wie geduldig ist diese Frau?

Ich fühle mich noch nicht ganz zu Hause hier. Obwohl ich mittlerweile weiß, wo der Staubsauger und das Bügelbrett stehen.

Das Schwierigste kommt ja erst, wenn die k.o.-Tropfen wirken werden. Angeblich geht das sehr rasch. Auf manche Formulierungen ihres Abschiedsbriefs bin ich richtig stolz, ja er rührt mich zu Tränen, obwohl ich ihn selbst verfasst habe.

Ich werde sehr verständnisvoll sein, wenn der erste Schreck vorüber ist. Zunächst muss sie sich von mir trösten lassen, weil ein gewisser Georg sie versetzt hat. Deshalb sei ich ja da, werde ich behaupten, ich war mir einfach sicher, nicht sein letztes Opfer gewesen zu sein.

Sie müsse sich jetzt vorsehen, alles ändern lassen, er habe sie wahrscheinlich schon in jeder Hinsicht ausspioniert. Es sei unglaublich, wie viel man allein aus dem Müll herauslesen könne.

Wieso kommt sie nicht? Ich sitze in ihrer Küche, bis es dämmert. Das tut es Ende Mai ja sehr früh. Irgendetwas ist schief gelaufen, ich bin mir nicht sicher, ob ich weiter warten soll.

Es muss meine Nervosität sein, ich bilde mir sicher nur ein, etwas vor der Tür gehört zu haben. Sie würde ja wohl einfach aufsperren und herein kommen.

Ich spähe durch den Spion und sehe nichts. Ganz langsam und leise öffne ich die Eingangstür. Und dann erschrecke ICH.

4. Sonntag, 2. Juni, 08:45



Die Frau saß an unserem Tisch und hatte zwei voll beladene Teller vom Frühstücksbuffet vor sich stehen. Bernd und ich setzten uns zu ihr, sie begrüßte uns freundlich.

Ihre Geschichte war ein bisschen verworren, aber rein äußerlich gefiel sie uns beiden sofort. Ob wir so nett wären, sie nicht zu verraten, sie hätte eigentlich nur dringend auf die Toilette gemusst und dem Duft des frisch gebratenen Specks danach nicht widerstehen können. Sie hätte einfach three-hundred-one gesagt, da hätte sie der Kellner an den Tisch da geführt.

Es ist eine sehr nette Suite, die wir da bewohnen, sagte Bernd und ich nickte dazu. Mit viel zu viel Platz für nur zwei, ergänzte ich freundlich.

Eine Brünette, dachte ich, sehr lange Beine, sehr gepflegt. Ein bisschen Gesellschaft wäre nicht das Schlechteste.

Sie könne mit ihrem Handy nicht telefonieren, alle Nummern fehlten. Und ihre Bankomatkarte funktioniere auch nicht, das liege wohl an diesen italienischen Automaten. Ihr Gepäck sei ihr abhanden gekommen, aber da sei sie wohl selber schuld. Sie wolle einfach noch nicht heim, ob wir verstünden?

Geld spielt keine Rolle, sagte Bernd, und meinte es auch so. Sie hätte eigentlich noch nichts von Venedig gesehen, und ohne Badesachen könne sie ja nicht einmal ans Meer.

Sie zögerte kurz, aber dann nahm sie unser Angebot an, sich die Suite einmal anzusehen. Wir verbummelten den Vormittag in der Stadt, tranken einen absurd teuren Kaffee am Markusplatz und kauften ihr einen Bikini und ein Handtuch.

Später rannte sie extrem schnell ins Wassser, die Adriaküste ist ja da äußerst flach, mir gefiel ihr Ungestüm.

Vielleicht hätten wir es nicht gleich in der ersten Nacht versuchen sollen. Sonst treffen wir nur Frauen aus dem Internet, die unseren Ansprüchen genügen, aber die wissen vorher ganz genau, was wir uns vorstellen.

Selbstverständlich ließen wir sie nach ihrer deutlichen Ablehnung in Ruhe, das schien auch ihr klar zu sein, sonst hätte sie sich in unserer Suite wohl kaum noch ausgeschlafen. Ich nehme an, sie frühstückt heute woanders.

5. Samstag, 1. Juni 02:20



Österreich ist ein sehr schönes Land. Und mir hat heute einer meine Börse gestohlen. Dummerweise ist da auch mein Schlüssel drin.

Ich lebe seit fünf Jahren hier, von Xao Dia Deng habe ich meinen Job im Krankenhaus geerbt. Für die schauen wir sowieso alle gleich aus, außerdem arbeiten im AKH 20.000 Leute. Die Sozialversicherungskarte hat mich nur 1.500 Euro gekostet, Xao war schon der dritte Koala, der sie verwendete, ich bin der vierte. So nennen sie mich zumindest im Krankenhaus, sie finden das lustig, immer noch besser als Lumpi, sagen sie.

Ich heiße Peter, sage ich, das ist der europäische Name, den ich mir ausgesucht habe, der passt zu "blanker, harter Kiesel", wie mich meine Eltern genannt haben. Ich spreche Peter Englisch aus, das ist meine beste Sprache. Geboren bin ich in Malaysia, nur sind meine Eltern leider Chinesen. Wir sind dort eine Minderheit. Eine ziemlich diskriminierte Minderheit, wir werden sehr systematisch benachteiligt.

Die reichen Chinesen lassen ihre Kinder in Australien studieren, meine Eltern sind aber arm. Ihnen schicke ich jedes Monat alles, was mir übrig bleibt. In meiner Geldbörse waren fast zweihundertfünfzig Euro, ich war stolz, dass ich gegen Monatsende noch so viel hatte.

Meine Sozialversicherungskarte wird so schnell keiner sehen wollen, die Nummer steht auf meinem Kalender in der Wohnung, in die ich gerade nicht hinein kann. Irgendwie werde ich das telefonisch regeln müssen. Denn sonst verwendet sie der Nächste.

Im Krankenhaus trage ich hauptsächlich das Essen aus, manchen Patienten helfe ich auch beim Einnehmen. Das dürfte ich eigentlich gar nicht, aber wenn einer oder eine sich nicht aufrichten oder nicht einmal einen Löffel halten kann, was soll man da machen?

Ins Haus bin ich gekommen, als es jemand verließ. Selbst wenn ich die Nummer vom Schlüsseldienst herausgefunden habe, werde ich ihn nicht bezahlen können. Mitten in der Nacht mag ich jetzt sowieso nichts unternehmen.

Am liebsten bin ich bei den frischen Kaiserschnitten, aber ich helfe auch den ganz Alten. Manchmal bekomme ich ein Trinkgeld, ich kann das gut brauchen, Wien ist sehr teuer.

Bei den Studenten habe ich mich sogar getraut, anzuläuten. Sie scheinen aber fort zu sein.

Ich lege mich vor die Tür, morgen ist Samstag, irgendwann wird die andere Nachbarin heraus kommen. Eine Frau allein ist sicher vorsichtig, die würde jetzt garantiert nicht aufmachen.

Ich habe sie noch nicht oft gesehen, sie hat ganz andere Arbeitszeiten wie ich, außerdem schien sie mir bei unseren wenigen Begegnungen immer ein wenig in Eile.

Xao hat es gut getroffen, ihn hat eine Diplomatenfamilie als Butler nach Qatar mitgenommen. Ich will eigentlich zurück nach Malaysia, aber sicher nicht nach Kuala Lumpur, das ist mir viel zu groß und ich kenne es kaum. Unser Dorf ist fast dreihundert Kilometer entfernt. Rou Xoung hat mir versprochen auf mich zu warten. Aber das ist neun Jahre her.

6. Samstag, 1.Juni, 11:30



Im Haus meines Bruders herrschte beste Ordnung, die Putzfrau muss da gewesen sein, ich war mir sicher, dass auch das riesige Wasserbett frisch überzogen worden war.

Auf Anhieb fand ich eine Flasche Rotwein, der richtig teuer aussah. Je ungezwungener ich mich benahm, desto besser, dachte ich und hoffte, dass Iris nicht bemerkt hatte, wie ich den Korkenzieher erst aus der dritten von mir geöffneten Küchenlade holte.

Alles Gute zum 42er prostete ich mir heimlich zu, und sagte laut Was für ein Geschenk! zu Iris. Und dass ich genau da weiter machen wolle, wo wir am Flughafen aufgehört hatten. Ein Geschenk, flüsterte Iris, dann eben ein Geschenk und streifte alles ab, was sie anhatte.

Selbstverständlich habe ich in den letzten zwanzig Jahren nicht wie ein Mönch gelebt. Die Frauen schätzen den Wert des Anzugs und der Krawatte, dachte ich, wenn mich wieder einmal eine in einer Hotelbar ansprach. Ein bisschen zu sehr aufgetakelt, die meisten aber auch wirklich hübsch, viele sehr gebildet, auch die, die von sich behaupteten, "nur Hausfrau" zu sein. Ein fairer Handel sagten sie, von dem Geld könnten sie sich eine Menge Extras leisten, oder auch nur dringend notwendiges Gewand für die Kinder. Verachten Sie mich nicht, es ist anders, wenn sie glauben, jemandem wirklich zu helfen. Oder auch nur wochenlang aus dem Koffer leben. Die Prostituierten bei uns kenne ich nicht.

Aber was hätte ich sonst von Iris denken sollen? Und was sollte ich jetzt diesem italienischen Polizisten erzählen? Dass mir eine Frau abhanden gekommen war, von der ich leider genau gar nichts außer ihrem Vornamen wüsste. Oder wo sie einen Leberfleck am rechten Oberschenkel ziemlich weit oben hatte?

Den Autodiebstahl habe ich selbstverständlich angezeigt, mehr zu sagen schien mir nicht nötig. Eigentlich traue ich Iris nicht zu, ein Autor kurz zu schließen, und die Autoschlüssel lagen auf dem Tisch, als sie davon stürmte.

Ich war so entspannt nach "unserer Nacht", wie ich sie mittlerweile nenne, sie war so etwas Besonderes. Sie brachte mich gefühlte hundert Mal zum Lachen und gezählte fünf Mal zum Orgasmus.

Ein starker Kaffee und wir fahren weiter? Ja, heute will ich das auch. Und schon schmiss ich wahllos frisches Gewand meines Bruders in meinen Koffer.

Ich Idiot hätte sie einfach nicht fragen dürfen, was ihr meine Freunde bezahlt hatten.


7. Samstag, 1. Juni, 04:15




Ich hätte es ihm aus der Hand schlagen sollen. Aber ich habe nicht sofort gemerkt, welches Glas er sich da genommen hat.

Ich will hier wohnen, da schadet es nicht, ein wenig hilfsbereit zu sein. Nein, er müsse nicht weiter im Vorraum liegen, ich hätte ein bequemes Sofa, da könne er sich ausrasten. Später könne ich ihm auch etwas Geld borgen, zufällig wisse ich ganz genau, wie man den Schlüsseldienst ruft.

Vielleicht käme sogar derselbe, der mir vor ein paar Wochen aus der selben Verlegenheit geholfen hätte. Es sei tatsächlich nicht ganz billig, ich würde seine Identität gern bestätigen, schließlich wohnten wir ja schon lange Tür an Tür.


Zeit sich einander ordentlich vorzustellen, und zum ersten Mal sagte ich "Iris Werner" zu einem mir wirklich Gegenüberstehenden. Es klang nicht schlecht. Er erzählte einen halben Roman, bis er endlich bei Peter war. Und zwar Englisch auszusprechen.

Und dann setzte er sich quasi selbst außer Gefecht. Seine Leiche würde überhaupt nicht zu meinem schönen Abschiedsbrief passen.

Hinausbringen kann ich ihn auch nicht, es ist schon taghell geworden, außerdem ist er mir zu schwer. Das habe ich gemerkt, als ich probierte, ihn nur ein wenig zu verrücken.

Ein paar Stunden werden die Tropfen samt dem Schlafmittel wirken, ich bin hundemüde. Ich klopfe mir innerlich auf die Schulter, als ich endlich auf die Idee komme, das Schloss mit dem Schlüssel von innen zu verstopfen.

Die neue Bankomatkarte kommt am Montag oder Dienstag mit der Post, auf den Code muss ich auch noch warten. Der kommt extra, aus Sicherheitsgründen, so hat es mir der freundliche Herr gestern abend erklärt, als ich ihm den Verlust gemeldet habe.

Meine Mutter hat mich immer recht kurz gehalten. Es reiche, dass ich bei ihr wohnen dürfe, hat sie immer gesagt, ich könnte durchaus auch einmal etwas arbeiten. Oder mir endlich einen Idioten suchen, der mich aushält. In jeder Hinsicht. Ich finde, meine Mutter wird immer zynischer. Ich habe keine Lust zu arbeiten. Meine Phantasie wäre da völlig verschwendet.

Ich werde es schon hören, wenn SIE versucht, die Tür aufzubringen.


8. Dienstag, 4. Juni, 14:00



Iris ist geblieben, eine richtig Nette ist das. Was soll's, Stoppen ist allein eh am einfachsten. Ich bin am Heimweg, zumindest denke ich in letzter Zeit öfter daran.

Die Schwielen an meinen Händen sind noch vom Graben, hab ich ihr erzählt, dort könne sie genauso gut als nächstes hin. Es seien nicht alles Studenten, jeder, der um halb acht am Eingang steht, bekommt eine kleine Ausrüstung. Das Schlaflager ist halbwegs sauber, zumindest das der Mädchen, das Essen war gar nicht so schlecht.

Casserta, ok, das merke sie sich. Geld gibt es hier allerdings mehr.

- Einfach unglaublich, was für Ärsche herumlaufen!
- Mir brauchst du das nicht zu erzählen.

Der eine Typ ist ihr einfach davon gefahren, mit ihrem Koffer im Auto, ob ich mir das vorstellen könne?
Vielleicht hat er ihn ja rausgestellt?
In Italien? Viel gedacht dürfte er sich jedenfalls nicht haben.

Nur ihre Handtasche hätte sie bei sich gehabt, sie hätte einen schrecklichen Durchfall kommen gespürt. Die Toiletten im Lokal seien so scheußlich gewesen, da wäre sie noch um mindestens drei Ecken bis zum nächsten Cafe gelaufen. Zu lange gelaufen.

Die hätten ihr dort nur mehr den Weg nach rechts hinten gedeutet und dann habe sie tatsächlich eine Weile gebraucht. Sie hätte doch ihr Gewand noch waschen müssen, der verdammte Handtrockner hätte alles auf Sparflamme getrocknet.

Sie hat einen miserablen Orientierungssinn, das kann ich bestätigen. Sie muss dann einmal falsch abgebogen sein, sie hätte da aber auch noch nicht auf die Uhr gesehen. Stattdessen hätte sie sein Auto gesehen. Und zwar davon fahren. Eine Weile sei sie ihm sogar nachgelaufen.

Das ursprüngliche Lokal habe sie dann nur mehr halbherzig gesucht, als sie endlich dort war, wäre er weg gewesen. Shit happens.

Luigi ist in Ordnung, da waren wir uns einig. Jetzt, wo ich weg bin, hat sie auch mehr Platz in der kleinen Kammer, die er uns über seiner Bar zur Verfügung gestellt hat. Dafür, dass sie noch nie vorher gekellnert hat, stellt sie sich ganz gut an.

Sie wolle etwas über sich herausfinden, hat sie gesagt. Vielleicht sei es an der Zeit, ihr Leben grundlegend zu ändern. Ich hab ihr zum Abschied ein T-Shirt geschenkt.


9. Sonntag, 2. Juni, 11:00



Ich bin mit dem Zug zurück nach Graz gefahren. Und ärgerte mich über die nicht funktionierende Klimaanlage.
Es war traurig, im Haus meines Bruders aufzuräumen.

Philipp und Max, meine zwei besten Freunde, bestritten den ganzen Abend, mir Iris geschickt zu haben. Wenn mir diese "Aktion" so gut gefallen hätte, wüssten sie jetzt wenigstens, wie sie mich nächstes Jahr erfreuen könnten.
- Sehr witzig, auf einmal war sie weg. Der Teil gefiel mir überhaupt nicht!
- Vergiss sie, trink noch einen mit uns!
Es wurde etwas mehr.

Deshalb öffnete ich den beiden uniformierten Herren heute früh auch ein wenig verkatert.
- Mein Auto ist schon gefunden?
- Allerdings ist es sicher gestellt, und Sie kommen jetzt mit!
- Ich kann es schon abholen?
- Das wohl kaum, Sie haben einiges zu erklären!

- Woher kommt die Million?
- Welche Million?
- Die in Ihrem Kofferraum?
- In meinem Kofferraum war kein Geld! Da waren nur zwei Handkoffer!
- Und was soll da drin gewesen sein?
- Wäsche, das heißt, in den zweiten hab ich nicht hineingeschaut, der gehört mir nicht.
- Uns liegt Ihre Anzeige aus Venedig vor!
- Es tut mir leid, ich wollte die Dame nicht hineinziehen!
- Welche Dame?
- Das wüsste ich auch gern!
- Sie glauben wohl, das ist witzig?
- Nein, Verzeihung, ich kannte die Dame kaum, ich wollte sie schützen!
- Noch immer witzig?

Wo waren Sie letzte Woche?
- In Bukarest, da arbeite ich zur Zeit.
- Ihre Tarnung ist ziemlich aufwändig.
- Meine Tarnung?
- Zunächst dachten wir, Sie seien nur ein kleiner Fisch. So klein sind Sie gar nicht, oder?

- Kann ich einen Anwalt anrufen?
- Sicher können Sie das.
- Ähem, ich muss mir erst einen suchen.
- Hätten Sie gern freien Internetzugang?
- Wenn das geht?
- Das geht nicht, Sie Witzbold, jetzt habe ich gescherzt.

- Sie geben also zu, mit einer Frau unterwegs gewesen zu sein?
- Ja, das gebe ich zu.
- Ok, das reicht fürs Erste. Sie können gehen.
- Ich kann nach Hause gehen?
- Wenn Sie ihre Zelle so bezeichnen möchten.
- Aber-
- Sie sind ein bisschen schwer von Begriff, gelt? Sie befinden sich in Untersuchungshaft, kapiert?
- Ich muss morgen wieder nach Bukarest.
- Sie sind morgen genau hier. Und übermorgen und überübermorgen auch und wir machen genau hier weiter! Sie werden angeklagt!
- Angeklagt? Weshalb?
- Bitte sehr zum Mitschreiben: Paragraph zweihundertsiebzehn Strafgesetzbuch. Auf deutsch Menschenhandel.


10. Mittwoch, 5. Juni, 11:00




Die Werner tickt nicht ganz richtig, wenn Sie mich fragen, ich hab das immer schon gewusst.

Ihr Kündigungsschreiben hab ich gleich einmal auf meinem Tisch liegen gelassen, die Post braucht ja heutzutag sowieso auch immer länger. Morgen ziehe ich mir was Kürzeres an, und so geh ich dann zum Chef und erklär ihm, dass ich gern sofort ihren Job und mehr Gehalt hätte. Jeder ist ersetzbar, das weiß man doch.

Diese seltsame Person, hochgestochen, genau, das war sie. Mit keinem per Du, als ob sie was Besseres wär. Und dann kündigt sie noch einmal, per e-mail! Glaubt die, wir habens beim ersten Mal nicht verstanden?

Im Brief will sie "das ausstehende Entgelt" auf ihr Konto, im mail soll ich es an eine Western Union Filiale in irgendeinem italienischen Kaff überweisen. Glaubt die, mir ist fad? Ich ändere da jetzt sicher nichts mehr, das mail lösche ich einfach.

Reicht doch, wenn der Chef den Brief liest, weg ist weg, oder? Ich weine ihr jedenfalls keine Träne nach, der arroganten Kuh, nie hat sie was von sich erzählt. Und wenn ich versucht hab, sie ein bisschen auszufragen, hat sie immer nur in ihre Tastatur geklopft. Das Fräulein Superfleißig, geh bitte! Für nichts hat sie sich interessiert, nie hat sie dasselbe wie ich am Vortag im Fernsehen gesehen, angeblich hat sie überhaupt wenig geschaut.

Deppert verträumt war sie in letzter Zeit, das hab ich wohl gemerkt, auch wenn sie nichts gesagt hat. Zicke!

11. Samstag, 31. Mai, 14:00



Nach ein paar Stunden Schlaf fühlt man sich einfach viel besser, finden Sie nicht auch?

Frau Iris Werner ist jedenfalls nicht nach Hause gekommen, was immer sie tut, es scheint länger zu dauern.

Ist doch ganz natürlich, daheim ein bisschen den Schreibtisch aufzuräumen. Es ist ein guter Tag, erst finde ich die Sparbücher und zwei Laden drüber einen Ordner, in dem alles sorgfältigst abgelegt ist - Rechnungen, Kontoauszüge, sonstige Korrespondenz. Und relativ weit hinten in einer Klarsichtfolie: V und P und L- Verfügernummer und Passwort für ihr Bankkonto und die Losungswörter für die Sparbücher. Ich wusste, die Frau ist ordentlich. Es wird für mindestens fünf Jahre reichen. Wenn ich mich etwas einschränke, auch für sechs oder sieben.

Iris, du bist tot, wenn du wieder kommst!

Nachbar-Peter-Auf-Englisch-Auszusprechen schläft noch immer. Ich fahre ihren/meinen Computer hoch, zum Glück ist auch der nicht gesichert. Wer macht das schon zu Hause? Und ja - ich steige ins Online-Banking ein. Als erstes storniere ich den Dauerauftrag an den Arbeitersamariterbund, ich hab doch nichts zu verschenken.

Die neugierigste Freundin scheint Petra zu sein. Nur "und???" steht in ihrem SMS. "whow!!!" schreibe ich zurück. Das muss fürs erste reichen.

Peter rührt sich, er scheint langsam aufzuwachen. Da ich nun sicher weiß, dass ich durchaus nicht arm bin, werde ich ihm auch nicht mehr vorschlagen, einfach ein Loch in die unsere Wohnungen trennende Gipswand zu schlagen. Allein - wenn eine Idee einmal da ist, wer weiß, wann ich ihn wirklich brauchen werde? Und vor allem wofür?

Er küsst mir bildlich gesprochen die Füße, als ich ihm erkläre, es sei kein Problem, wenn er weiter hier bleibt. Mein Angebot gefällt mir noch besser, nachdem ich erfahre, dass er am Sonntag sowieso Dienst im Krankenhaus hat.

Also - bleiben und abwarten.

12. Samstag, 8. Juni

Heuer habe ich einfach kein Glück mit meinen Kellnerinnen. Als die Carabinieri nach einer langbeinigen brünetten Ausländerin fragten, wusste ich, dass Iris ein Problem hatte.

Du musst sofort weg, erklärte ich ihr. Wieso, ob ich etwa mit ihr nicht zufrieden sei? Das sei nicht das Problem, aber ich könne keine Polizei brauchen.

Ich habe sie nichts gefragt, als sie hier ohne Gepäck eingezogen ist. Jetzt erzählte sie. Sie hätte sich nach vielen e-mails mit einem Fremden getroffen, sie wäre schon so neugierig auf ihn gewesen. Vielleicht sogar ein bisschen verliebt.

Und dann sei er mit ihr nach Venedig gefahren. Das müsse er so geplant haben. Um sie wieder los zu werden.

Sie hätten davor nur eine Nacht in seinem Haus verbracht, alles hätte so gediegen gewirkt. Jetzt wisse sie natürlich, dass etwas nicht gestimmt hatte. Vielleicht sollte sie einfach zurück nach Wien fahren.

Du kannst nicht in deine Wohnung fahren, dort suchen sie dich doch als erstes! Wieso, sie hätte doch gar nichts getan? Du vielleicht nicht, aber was weißt du von ihm?

Die könnten doch gar nicht wissen, wo sie wohne? Könnten sie nicht? Von wo hätte sie denn alle ihre e-mails geschickt? Alle können sie dich finden, ist dir das nicht klar?

Geh fort, tauch eine Weile unter! redete ich ihr zu, sie schaute mich zweifelnd an. Du bist in Gefahr, denk doch an dein Handy, das ist doch auch manipuliert worden. Stimmt, sagte sie, eigentlich kann nur Georg alle gespeicherten Nummern gelöscht haben, als ich neben ihm schlief. Siehst du, rief ich, warum tut jemand so was?

Luigi, sagte sie, vielleicht drehe ich den Spieß um! Und suche ihn. Ein paar Erklärungen sei er ihr wohl schuldig.
Keine gute Idee, aber ihr offensichtlich nicht mehr auszureden.

Am Ende brachte ich sie zum Bahnhof.

13. Sonntag, 2. Juni, 16:00




Sie sind ja heute richtig fröhlich! hat mir jetzt schon die dritte Patientin gesagt. Ich lächle zwar sonst auch oft, aber es geht mir im Moment wirklich ausgezeichnet.

Wenn ich gewusst hätte, wie nett meine Nachbarin ist, hätte ich sie schon viel früher angesprochen. Obwohl - das hätte ich nie gewagt.

Ich habe ihr fast mein ganzes Leben erzählt. Es gefällt ihr, dass ich im Krankenhaus arbeite. Ob ich in alle Räume hinein könne? Ob das Personal eigene Gänge hätte, um ungesehen durch die Abteilungen zu kommen? Ob wir beim Hinausgehen durchsucht würden? Was mit den Toten passiere? Sie wollte wirklich viel wissen.

Ich werde mich für ihre Gastfreundschaft gebührend bedanken. Mit ihr kochen, wenn sie das gestattet. Oder mit ihr ausgehen, wenn ich mich zu fragen traue.

Sie scheint allein zu sein, den ganzen Samstag hat sie mit niemandem telefoniert. Zumindest nicht, als ich wieder wach war. Schade, dass ich heute auch noch Nachtdienst habe.

Ich dürfe Montag Vormittag mit ihr rechnen, hat sie versprochen. Eigentlich könnte ich genausogut einen Kollegen bitten, mir etwas Geld zu borgen. Andererseits sehe ich sie so bald wieder.

Rou Xoung, verzeih mir, ich hab mich in eine andere verliebt!

14. Dienstag, 4. Juni


Manchmal behaupte ich beim Fortgehen, ich sei Schriftsteller. Nie will dann jemand etwas von mir, im Gegenteil, die Leute scheinen benehmen sich sogar besser. Anscheinend fühlen sie sich beobachtet.

Nur um einen kleinen Gefallen für einen Freund, es müsse sich um eine Lappalie handeln, bat mich Philipp am Telefon. Leider weiß Philipp, dass ich Anwalt bin.

Und dann schickt er mich zu diesem völlig abgedrehten Typen.

- Mit mir können Sie doch offen reden!
- Das tu ich doch.
- Also nochmals von vorne: Sie sind am Flughafen von einer Unbekannten angesprochen worden?
- Ja, das hab ich Ihnen doch schon erzählt.
- Und Sie fanden es normal, dass Sie mit Ihnen ins Auto gestiegen ist.
- Ja, fand ich. Eigentlich fand ich es aufregend.
- Sie haben die Nacht mit ihr im Haus Ihres Bruders verbracht und sind dann weiter nach Italien gefahren?
- Ja, hab ich, bin ich.
- Und dann ist sie Ihnen davon gelaufen? Ohne jede Erklärung?
- Ich dachte, ich hätte sie gekränkt.

- Und Ihr Auto war auch weg?
- Das habe ich angezeigt.
- Sie wissen also nicht, was die Dame transportiert hat?
- Nein, das weiß ich nicht.
- Und Sie wissen auch nicht, woher die Million Euro in Ihrem Kofferraum kommt?
- Nein, das weiß ich auch nicht.
- Die fehlt aber jetzt wahrscheinlich jemandem, oder?
Nachdem die italienische Polizei das Auto beschlagnahmt hat ...
- Muss wohl so sein.
- Und die Dame fehlt vielleicht auch jemandem, oder? Aber Sie kennen die Dame ja nicht und wissen nichts über das Geld?
- GENAU!

- Uff. Ich würde sagen, Sie bekennen sich einfach schuldig.
- WAS soll ich? Ich hab doch nichts getan!
- Ja stimmt, Sie haben nichts getan.

- Sie glauben mir auch nicht ... Könnten Sie nicht die Frau suchen?
- Ich bin Ihr Anwalt, kein Privatdetektiv. Mal davon abgesehen, dass ich nicht wüsste, wie ich die Gute finden sollte.

Das alles hat auch schon dem Untersuchungsrichter genauso erzählt. Und wieviel er so unterwegs ist. Und vor allem wo. Das kann ja heiter werden.

- Obwohl - ok, eines kann ich für Sie tun: Versuchen wir, uns das restliche Gepäck zu schicken zu lassen.
- Das war noch im Auto?
- War es nicht, aber jemand in Neapel hat im Müll zwei Koffer gefunden. Und abgegeben.
- In Neapel?
- Ja, ein pensionierter Staatsanwalt. Und der Müll liegt dort seit Wochen auf der Straße. Zuerst war er neugierig, dann war er korrekt. Und Sie haben Ihr Köfferchen ja sorgfältig beschriftet.
- Sagen Sie, sehen Sie eine Chance, dass ich hier bald herauskomme?
- Nicht wirklich, aber lassen Sie den Kopf nicht hängen.

Eigentlich ist er mir gar nicht unsympathisch.

15. Sonntag, 9. Juni



Kennen Sie das, Sie kommen aus dem Urlaub zurück und es vergeht nicht einmal ein Tag und Sie fühlen sich genau wie immer?

Wenn ich mich wenigstens die beiden vergangenen Wochen besser gefühlt hätte! Stefan war seine Langeweile deutlichst anzusehen, mit unsren beiden Söhnen weiß er nichts anzufangen und mit mir wohl auch schon die längste Zeit nicht mehr.

O ja, wir halten die Fassade aufrecht, in einer so kleinen Stadt ist das einfach besser so. Und der Herr Primar wird sowieso alle Augenblicke zu einem Notfall gerufen. Für wie dumm hält er mich eigentlich?

Ein paar Wochen oder auch Monate lang immer dieselbe Frauenstimme am Telefon, wenn wieder einmal ein paar Mal hintereinander aufgelegt wird, weiß ich, er hat eine Neue. Die sich das noch nicht so recht traut.

Mit wem redet Timmy da eigentlich am Gartentor? Es wird sich doch nicht eine erfrecht haben, hierher zu kommen? Sein Typ wäre sie. Obwohl - besonders wählerisch ist er auch nicht mehr.

Timmy erzählt der Frau eine ganze Menge, sie schüttelt immer wieder den Kopf, scheint nachzufragen.

- Kann ich Ihnen helfen?
- Oh danke, der aufgeweckte junge Mann hat mir eigentlich schon alle meine Fragen beantwortet.

Sie hätte das Namensschild gelesen und sich gedacht, dass das Haus passe zu ihrem Lieblingsdoktor. Sie entschuldige sich für ihre Neugier.

- Und das soll ich glauben?
- Bitte glauben Sie mir etwas anderes, ich wusste nicht, woran ich mit ihm bin.
- Und jetzt hätten Sie gerne meine Absolution? Oder was genau?
- Es tut mir leid, ehrlich!
- Wenn Sie jetzt bitte gehen wollen!
- Selbstverständlich - nur eine Frage: Waren Sie je in Indien?
- In Indien? Schau ich so aus? Ich glaube, Sie gehen jetzt besser!

Und weg war sie.



16. Sonntag, 9. Juni, 21:00



Iris ist seit ziemlich genau 9 Tagen nicht hier aufgetaucht.

Haben Sie schon einmal chinesisch gekocht? Mit einem Chinesen? Zuerst musste ich das Gemüse klein schneiden. Und dann noch einmal. Klitzeklein.

Er hat den Teig mit einem Stäbchen gerührt. Erstaunlich, wie gut ihm das damit gelungen ist.

Ich hätte ja kein einziges vernünftiges Messer in der Küche.
- Ja, weil ich solche Angst habe!
- Angst, wovor?
- Vor der Wahnsinnigen, die mich verfolgt.

Deshalb traue ich mich ja kaum aus dem Haus. Als ich das letzte Mal zum Essen war, hätte sie mich mit Rotwein übergossen. Neulich wäre ich beinahe überfahren worden, ich hätte ihr Auto erkannt. Meinen Job hätte ich ihretwegen verloren. Sie sei zu meinem Chef gegangen und hätte lauter böse Lügen über mich erzählt. Ich wüsste nicht, wie ich sie aufhalten könne.

- Warum gehen Sie nicht zur Polizei?
- Sag Iris zu mir. Nein, die Polizei möchte ich nicht einschalten, ich weiß ja, wer sie ist.
- Wer?
- Die Exfrau meines Mannes.

Nein, ich sei nicht mehr verheiratet, ich sei verwitwet. Sie hätte ewige Rache geschworen, sich aber, solange er noch lebte, von uns ferngehalten.

Sein Tod sei sehr plötzlich gekommen. Im Obduktionsbefund steht Herzversagen. Wahrscheinlich hätte sie ihn zu Tode erschreckt, ob er sich das vorstellen könne. Aber ich hätte keine Beweise. Nur Angst. Ganz furchtbare Angst.

Und dann weinte ich ein bisschen ins Gemüse. Lass uns deine Tränen weg...essen. Irgendwann war das Essen sogar fertig. Es schmeckte mir ausgezeichnet.


17. Montag, 10. Juni, 15:00



Also leicht war mein Tag heute nicht. Ein Kunde hat stur behauptet, er hätte mir neunzehnhundert Euro gegeben und ich hätte einen Hunderter sofort verschwinden lassen. Er brüllte so herum, dass unser Filialleiter angelaufen kam, um ihn zu beruhigen.

Das sei völlig ausgeschlossen, der Herr müsse sich irren. Ich irre mich nie! tobte der, er hätte sich das Geld zu Hause hergerichtet, ich sei eine elende Lügnerin. Er randalierte, bis ihm der Chef mit der Polizei drohte.

Eine halbe Stunde später regte sich eine Frau schrecklich über die Nebenkosten ihrer letzten Auslandsüberweisung auf. Das hab doch nicht ich bestimmt! Aber Sie profitieren davon! Ich sitze hier nur am Schalter! Sie leben von meinem Geld! Vielleicht, kann ich sonst noch etwas für sie tun?

Kurz vor Schluss die Krönung: Eine Frau knallt mir eine Bankomatkarte unseres Instituts aufs Pult.

- Was ist mit der los?
- Die ist gesperrt.
- Die ist was?
- Gesperrt!
- Wieso?
- Weil Sie sie telefonisch sperren ließen!
- Wann?
- Könnte ich bitte einen Ausweis von Ihnen sehen?

Sie knallte mir ihren Pass hin.

- Entsperren Sie die Karte!
- Das geht so nicht!
- Das ist mein Konto und Sie entsperren mir die jetzt sofort diese Scheißkarte! Ich brauche dringend Geld!

Sie war jetzt mindestens so laut wie die beiden vorher erwähnten miteinander. Unser Filialleiter eilte schon wieder zu mir.

- Frau Kurz, geben Sie der Dame einen Abhebschein! Was ist denn heute los mit Ihnen?
- Nichts Herr Müller, das wollte ich ihr gerade anbieten!

Wortlos füllte sie ihren Schein aus. Ich zählte ihr das Geld herunter. Sie stopfte es in ihre Handtasche und rauschte davon.

Eigentlich hätte ich ihr noch sagen wollen, dass die neue Bankomatkarte schon längst in ihrer Post sein müsste.

18. Mittwoch, 5. Juni, 11:00



Giovanni ist ein Vollidiot. Ich hab ihm den Job gegeben, weil er der Sohn der Kusine der besten Freundin meiner Frau ist. Er wolle sich verbessern, nur Autos knacken sei ihm auf Dauer zu anspruchslos.

Wir brauchen ein sauberes, hab ich gesagt, am besten eins mit deutschem oder österreichischem Kennzeichen, fahr in die Urlaubsorte, fahr zum Parkplatz für die autofreien Inseln, hab ich auch gesagt. Dort vermisst keiner so schnell seinen Wagen.

Und was macht dieser Geisteswinzling? Entweder hat er mir überhaupt nicht zugehört, oder er war zu faul sich auf den Weg dorthin zu machen. Und nimmt die erste Schrottkarre mit österreichischem Kennzeichen, die er sieht!

Gibt das Geld in den Kofferraum, fährt damit nach Neapel, stellt es vor eine Feuerwehrausfahrt und geht was essen!

Natürlich hat es irgendwo gebrannt, irgendein verärgerter Einwohner hat wieder einmal einen Müllhaufen angezündet. Nona, lassen sie das Auto abschleppen. Und irgendein Wichtigtuer, der nicht auf unserer Liste steht, schaut nach - das Auto ist schon als gestohlen gemeldet!

Franco, der Polizist, der schon lange auf unserer Liste steht, sagt, es schaut schlecht aus. Es wird weiter ermittelt, ausgerechnet der Besitzer des Autos ist besonders verdächtig. Die Idioten in Österreich hätten ihn umgehend verhaftet. Er könne nichts erklären. Sie suchten noch nach einer Frau. Welcher Frau? Es muss trotzdem einer gesungen haben.

Ohne Million schicke ich die Ware jedenfalls nicht weiter, die sind meine Sicherheit. Vier Rumäninnen, die glauben, es warten irgendwoanders in Europa hochbezahlte Modelkarierren oder freie Au-Pair-Stellen auf sie. Ich bin nur ein Geschäftsmann, verstehen Sie?


19. Montag, 10.6. 17:45



Saskia wird stolz auf mich sein. Meine Freundin Saskia, die seit der Uni bei den Grünen aktiv ist. Die oft genug ein Problem mit meinem Beruf hat. Die nie verstehen will, dass wir Gesetze exekutieren, und dass es uns völlig egal sein muss an wem.

Die Frau kam am späten Nachmittag, sie wollte eine Anzeige machen. Sie wies sich aus, und sagte da schon seltsamerweise dazu

- Ich weiß, dass ich das bin. Sie müssen mir glauben, dass ich das bin!
- Ok, ich glaube Ihnen ja, was wollen Sie anzeigen?
- Wen, wen hätten Sie fragen müssen!
- OK, WEN wollen Sie anzeigen?
- Meinen Nachbarn!

Sie glauben gar nicht, wie oft die Leute ihre Nachbarn anzeigen. Ruhestörung, Schwarzarbeit, Ehebruch, Wiederbetätigung, alles wollen sie anzeigen.

-Ok, Ihren Nachbarn. Weshalb?
- Er hat mich bedroht!
- Wie hat er sie bedroht?
- Mit Worten!
- Mit Worten?
- Ja, genügt das nicht?
- Eigentlich nicht, Verzeihung, ich meine, das kommt drauf an, haben Sie schon länger Streit?
- Wir haben überhaupt keinen Streit, ich kenne ihn nur vom Sehen!
- Aber jetzt bedroht er Sie?
- Ja das tut er. Er ist Asiat, er kennt sich sicher mit einer Menge Kampfsportarten aus. Es ist mir peinlich, das so anzunehmen, aber das muss ich!

Wenn ich nicht mit Saskia zusammenwäre, wäre ich vielleicht bei solchen Aussagen weniger sensibel.

- Fühlen Sie sich bedroht, weil er Asiate ist?
- Nein, weil ... wie soll ich das erklären?
- Möchten Sie vielleicht noch einmal anfangen?
- Ich, ich wohne seit fünf Jahren da, aber jetzt wohnt da jemand anderer!
- Jemand anderer?
- Ja, mein Postkasten war leer, und mein Wohnungsschlüssel hat nicht gesperrt! Und da ist eben dieser Nachbar herausgekommen und hat mich bedroht! Vielleicht sollte ich eher den Mann anzeigen, mit dem ich nach Italien gefahren bin!
- Sie wollen jetzt den Mann anzeigen, mit dem Sie nach Italien gefahren sind?
- Nein, das ist sinnlos. Den könnte ich höchstens wegen faustdicker Lügen anzeigen.
- Aha.
- Seither ist meine Bankomatkarte gesperrt und auf meinem Handy fehlen alle gespeicherten Nummern! Meine Firma hat mir mein Geld nicht geschickt! Und die italienische Polizei sucht mich anscheinend auch!

Seit dem Fall Cheibani W. haben wir alle ein psychologisches Zusatztraining erhalten. Da habe ich wirklich verstanden, was Paranoia bedeutet. Ich wurde noch ruhiger. Ich tat so, als nähme ich Protokoll auf.

- Wir fahren gleich zu Ihrem Nachbarn, ok?

In Wirklichkeit mailte ich einem Kollegen, der rief die Rettung an. Für eine Fahrt nach Steinhof*, die werden ihr dort bestimmt helfen.

* Wiener Begriff für das psychiatrische Krankenhaus Baumgartner Höhe. Ist außerdem einer der schönsten Otto-Wagner-Bauten. Leider gibt es Pläne, das Areal mit Hochpreiswohnungen zu verschandeln.

20. Mittwoch, 12.6., 18:00



Ich habe mich von ihm breit schlagen lassen. Wobei - ein bisschen neugierig war ich auch schon. Außerdem ist er mein Klient und ich war eh schon länger nicht in Wien.

Ich hätte nicht gedacht, dass wir das Gepäck je wieder sehen würden - aber da war es, mir freundlicherweise an die Kanzlei zugestellt. Auch der Koffer der geheimnisvollen Dame!

Im Innenfach des Außenfachs fand ich einen kleinen Zettel - "Iris Werner" und eine Wiener Adresse.

Zunächst dachte ich nur: der nächste Fehlschlag, ein Gründerzeithaus im dritten Bezirk mit einem Büro im Souterrain. Kein "Werner" und schon gar kein "Iris Werner" an der Gegensprechanlage.

Eine aufgedonnerte Blondine kam aus dem Büroeingang.

- Verzeihen Sie, sagt Ihnen der Name Iris Werner etwas?
- Die arbeitet nicht mehr bei uns!

Einen Kaffee und zwei Aperolspritzer später rückte sie glucksend mit der Privatadresse heraus. Ich solle sie bitte nicht verraten.

Dort stand ein dezentes "Werner" neben Nr. 17. Ich musste nicht lange warten, bis jemand das Haus verließ, um hinein zu kommen. Ich klingelte und klopfte, statt Frau Werner öffnete zunächst der Nachbar seine Tür. Gleich darauf aber auch SIE.

- Frau Werner?
- Ja?
- Vermissen sie etwas?
- Nein, warum?

Ich hätte nur ein paar weitere Fragen, ich gab ihr meine Karte. Sie studierte sie richtiggehend.

- Bitte!
- Sagt Ihnen der Name Georg Wegenstein etwas?
- Nein, sollte er?
- Da bin ich mir nicht sicher.

Die Frau schien nichts zu verbergen. Obwohl - ungefähr passte Georgs Beschreibung. Ich hätte nur gedacht, sie wäre ein bisschen jünger.

- Wissen Sie zufällig wo Sie von Freitag den 31. Mai auf Samstag den 1. Juni waren?
- Ja das weiß ich - genau hier.
- Sie sind nicht weg gefahren?

Jetzt lächelte sie.
- Bin ich nicht, oder, Piiiita?

Der Nachbar grinste auch.
- Ist sie nicht, das wäre mir aufgefallen.
- Oh, Sie beide sind-?
- Nein, nicht so!

Und dann erzählte mir der Nachbar, wie er die halbe Nacht vor ihrer Tür gelegen war, weil ihm der Schlüssel zu seiner Wohnung abhanden gekommen wäre. Genau am einunddreißigsten! Er sei sich absolut sicher.

Das war ich jetzt auch - jemand hat sich für Frau Werner ausgegeben. Selbstverständlich ging ich zur nächsten Polizeiwache, um die Betrügerin anzuzeigen. Sollen die sie doch für uns suchen!
1901 mal angeklickt. oder gar gelesen?

hier fehlt was;-)

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