13.
Ich war zwölf Jahre und einen Tag verheiratet. Alltag. Irgendwann. Die ersten Schritte sind nicht so schlimm, ich kann mit beiden Armen, mit beiden Händen halten, das Gewicht ist tragbar, auch wenn meine rechte Schulter schmerzt. Schließlich habe ich die Kiste auch aus dem Kofferraum gehoben, auf der Straße abgesetzt, um das Auto zu versperren, die Kiste wieder hochgenommen, und begonnen zu gehen. Ich war nicht unfreundlich am Telefon, ich habe mich beeilt und bin dennoch spät dran, aber nicht zu spät für die angegebene Verabredungszeit mit seinem Freund. Ich bat ihn zu kommen, zu kommen und zu helfen, doch er war schon zornig, zu spät war ich dran, nach seinem Maß. Er kommt nie irgendwohin pünktlich, er geht auch nie so weg, dass er überhaupt theoretisch pünktlich sein könnte, aber mir lastet er das immer an.
Ich habe keinen Parkplatz vorm Haus gefunden, ich muss weiter als sonst gehen. Ich will nicht wütend werden, und ich weiß doch, dass ich es schon bin. Wenn er mir jetzt entgegenkommt, könnte ich noch lächeln, wenn er mir jetzt hilft, dann gilt das für den ganzen Weg. Es war ausgemacht, dass er mir hilft. Schließlich hätte er sonst den ganzen Einkauf machen und tragen müssen. Das ist eine Regel, die am Samstag so gilt. Regeln müssen befolgt werden, sonst sind sie sinnlos.
Die Kiste ist doch sehr schwer, schon beim Geradeausgehen merke ich es, dass die Schulter zu stechen beginnt. Wenn ich jetzt vernünftig sein will, rufe ich noch einmal an. Ich kann nicht noch einmal anrufen, mir graut vor dem Absetzen der Kiste. Obwohl ich weiß, dass ich sie vor der Haustüre sowieso absetzen muss. Er hat gesagt, er sei nicht angezogen, wieso ist er nicht angezogen, wenn er doch in einer Viertelstunde seinen Freund treffen will? Ich könnte bei der Türe noch einmal anrufen, da ist die Kiste ja doch am Boden, ich könnte sagen, er soll die Putzfrau runterschicken. Warum tue ich es nicht? Ich bin schon so wütend, dass ich lieber wütend bleibe. Ich nestle den Schlüssel aus meiner Tasche, ich hänge die Haustür nicht ein, denn dann müsste ich mit der Kiste um die Tür herumgehen, um sie wieder aus der Verankerung zu lösen. Also halte ich die Tür mit dem Ellbogen offen, und das rechte Bein unterstützt diesen Vorgang.
Wenn mir jetzt jemand Bekannter begegnete, wäre ich mir nicht zu gut, um Hilfe zu bitten. Es kommt aber niemand. Ich gehe weiter im Flur, der Flur ist lang. Noch eine Tür, die immer geschlossen ist. Ich bin auf der schlechteren Seite der Tür, sie geht jetzt zu mir her auf, ich kann mit dem Ellbogen nur die Klinke herunterdrücken, zum Öffnen benötige ich eine Hand. Ich stelle die Kiste zum dritten Mal zu Boden, ich kann die Tür anders nicht öffnen. Wieder spüre ich den Schmerz in der Schulter, ich spüre ihn stärker, wenn ich die Kiste nicht halte, er ist mir vertraut, jedes Mal, wenn er wiederkehrt. Ich keuche und bin zornig. Wieso tue ich mir mein Leben überhaupt an? Wieso arbeite ich von früh bis spät meist ohne jede Pause, wieso arbeite ich so viel für andere? Es ist so lächerlich, was eine Frauenministerin einmal per Gesetz vorschreiben wollte. Niemand wäscht statt oder mit mir, kein anderer bügelt, putzt die Küche, räumt alles weg, erledigt, was immer zu erledigen ist.
Dankbar muss ich noch sein für die paar Handgriffe, die er für mich tut, zahlen muss ich für jeden Handgriff, den die Putzfrau für mich tut. Und immer warte ich auf alles, was er für mich tun sollte, manchmal habe ich schon ein Jahr und mehr gewartet. Wozu haben wir Regeln, wenn nur einer sich daran hält?
Ich bin weitergekommen, viel langsamer als noch auf der Straße, ich zwinge mich, mich auf meine Schritte zu konzentrieren, einen nach dem anderen. Noch eine Türe, aber die ist fast immer offen. Ich muss den Lift holen, ich habe die Kraft nicht, die Kiste noch höher zu heben, und so drücke ich den Liftknopf mit meinem Kinn. Der Lift braucht lange, bis er ins Erdgeschoss kommt, wahrscheinlich ist er fünf Stockwerke heruntergefahren. Die Tür öffnet sich, ich bin jetzt endgültig voller Zorn. Eigentlich habe ich vor, ihn zu unterdrücken. Vielleicht macht er dann eines von den vielen Dingen auf meiner Wunschliste. Ich weiß, dass das eine absurd törichte Hoffnung ist. Er macht nie das, was ich mir wünsche in von mir vorgesehenen Zeiten. (Oder überhaupt.) Im Lift stütze ich die Kiste auf die eingebaute Stange und halte sie weiterhin.
Als ich aussteige, bin ich erleichtert, fast am Ziel zu sein. Ich durchquere das Stiegenhaus und lehne mich gegen unsere Türglocke. Ich lehne sehr lange. Ich höre, wie die Putzfrau den Staubsauger bedient, leider hört man mich deshalb nicht. Ich bin nicht mehr im Stande, die Kiste auf den Boden zu setzen und fallen lassen kann ich sie wegen ihres Inhalts auch nicht. Als eine Pause beim Staubsaugen eintritt, lehne ich mich wieder gegen die Klingel. Ich höre, wie jemand – das muss er doch sein – im Vorzimmer hantiert. Unendlich langsam öffnet er die Wohnungstür und grinst mich angezogen an. Da beginne ich ihn anzuschreien.
Ich will dass wir uns scheiden lassen, Günter. Wundert mich nicht, Klara.
13 Jahre.
Angekommen, hingegeben,
ohne ein Wort ausgesucht.
Übernommen, überleben,
hab mich dafür oft verflucht.
Jahre langen, ausgehalten,
ohne jeden Widerspruch.
Angefangen Haus gestalten
und ich seh den Niederbruch.
Weggenommen, aufgegeben,
Worte, die du mir jetzt sagst.
Dreck bekommen, anders leben,
besser wenn du mich nichts fragst.
Will mir dich doch heiter denken!
Willst du mich nicht weiterschenken?
Ich war ihm niemals treu. Ich war niemals treu. Von Anfang an nicht. Und beim Wesentlichsten nicht. Ich möchte gerne dafür bestraft werden. Aber das hilft mir auch nichts. Bei jeder Demütigung tut mir der leid, den ich dazu bringe, so zu mir zu sein. Normale Menschen gehen mir zu manchen Zeiten aus dem Weg. Abgesehen davon, dass für mich fast alles normal ist. Es ist alles meine Schuld. Ganz allein. Ich werde es einmal noch sagen müssen. Noch nicht jetzt. Es ist zu früh. Ich tue viele Dinge zu früh. Aber das nicht. Alles andere ist egal. Ich bin mir schon ziemlich gleichgültig geworden. Wenn ich jemandem etwas geben kann, tue ich es. Wenn nicht, dann nicht. Ich lebe mit dem Bösen in mir. Ich werde bald sterben, denn die drei Versuchungen bin ich durch – die Angst, die Macht, die Weisheit und dann kommt eben der Tod, was sonst?
Ich habe keinen Parkplatz vorm Haus gefunden, ich muss weiter als sonst gehen. Ich will nicht wütend werden, und ich weiß doch, dass ich es schon bin. Wenn er mir jetzt entgegenkommt, könnte ich noch lächeln, wenn er mir jetzt hilft, dann gilt das für den ganzen Weg. Es war ausgemacht, dass er mir hilft. Schließlich hätte er sonst den ganzen Einkauf machen und tragen müssen. Das ist eine Regel, die am Samstag so gilt. Regeln müssen befolgt werden, sonst sind sie sinnlos.
Die Kiste ist doch sehr schwer, schon beim Geradeausgehen merke ich es, dass die Schulter zu stechen beginnt. Wenn ich jetzt vernünftig sein will, rufe ich noch einmal an. Ich kann nicht noch einmal anrufen, mir graut vor dem Absetzen der Kiste. Obwohl ich weiß, dass ich sie vor der Haustüre sowieso absetzen muss. Er hat gesagt, er sei nicht angezogen, wieso ist er nicht angezogen, wenn er doch in einer Viertelstunde seinen Freund treffen will? Ich könnte bei der Türe noch einmal anrufen, da ist die Kiste ja doch am Boden, ich könnte sagen, er soll die Putzfrau runterschicken. Warum tue ich es nicht? Ich bin schon so wütend, dass ich lieber wütend bleibe. Ich nestle den Schlüssel aus meiner Tasche, ich hänge die Haustür nicht ein, denn dann müsste ich mit der Kiste um die Tür herumgehen, um sie wieder aus der Verankerung zu lösen. Also halte ich die Tür mit dem Ellbogen offen, und das rechte Bein unterstützt diesen Vorgang.
Wenn mir jetzt jemand Bekannter begegnete, wäre ich mir nicht zu gut, um Hilfe zu bitten. Es kommt aber niemand. Ich gehe weiter im Flur, der Flur ist lang. Noch eine Tür, die immer geschlossen ist. Ich bin auf der schlechteren Seite der Tür, sie geht jetzt zu mir her auf, ich kann mit dem Ellbogen nur die Klinke herunterdrücken, zum Öffnen benötige ich eine Hand. Ich stelle die Kiste zum dritten Mal zu Boden, ich kann die Tür anders nicht öffnen. Wieder spüre ich den Schmerz in der Schulter, ich spüre ihn stärker, wenn ich die Kiste nicht halte, er ist mir vertraut, jedes Mal, wenn er wiederkehrt. Ich keuche und bin zornig. Wieso tue ich mir mein Leben überhaupt an? Wieso arbeite ich von früh bis spät meist ohne jede Pause, wieso arbeite ich so viel für andere? Es ist so lächerlich, was eine Frauenministerin einmal per Gesetz vorschreiben wollte. Niemand wäscht statt oder mit mir, kein anderer bügelt, putzt die Küche, räumt alles weg, erledigt, was immer zu erledigen ist.
Dankbar muss ich noch sein für die paar Handgriffe, die er für mich tut, zahlen muss ich für jeden Handgriff, den die Putzfrau für mich tut. Und immer warte ich auf alles, was er für mich tun sollte, manchmal habe ich schon ein Jahr und mehr gewartet. Wozu haben wir Regeln, wenn nur einer sich daran hält?
Ich bin weitergekommen, viel langsamer als noch auf der Straße, ich zwinge mich, mich auf meine Schritte zu konzentrieren, einen nach dem anderen. Noch eine Türe, aber die ist fast immer offen. Ich muss den Lift holen, ich habe die Kraft nicht, die Kiste noch höher zu heben, und so drücke ich den Liftknopf mit meinem Kinn. Der Lift braucht lange, bis er ins Erdgeschoss kommt, wahrscheinlich ist er fünf Stockwerke heruntergefahren. Die Tür öffnet sich, ich bin jetzt endgültig voller Zorn. Eigentlich habe ich vor, ihn zu unterdrücken. Vielleicht macht er dann eines von den vielen Dingen auf meiner Wunschliste. Ich weiß, dass das eine absurd törichte Hoffnung ist. Er macht nie das, was ich mir wünsche in von mir vorgesehenen Zeiten. (Oder überhaupt.) Im Lift stütze ich die Kiste auf die eingebaute Stange und halte sie weiterhin.
Als ich aussteige, bin ich erleichtert, fast am Ziel zu sein. Ich durchquere das Stiegenhaus und lehne mich gegen unsere Türglocke. Ich lehne sehr lange. Ich höre, wie die Putzfrau den Staubsauger bedient, leider hört man mich deshalb nicht. Ich bin nicht mehr im Stande, die Kiste auf den Boden zu setzen und fallen lassen kann ich sie wegen ihres Inhalts auch nicht. Als eine Pause beim Staubsaugen eintritt, lehne ich mich wieder gegen die Klingel. Ich höre, wie jemand – das muss er doch sein – im Vorzimmer hantiert. Unendlich langsam öffnet er die Wohnungstür und grinst mich angezogen an. Da beginne ich ihn anzuschreien.
Ich will dass wir uns scheiden lassen, Günter. Wundert mich nicht, Klara.
13 Jahre.
Angekommen, hingegeben,
ohne ein Wort ausgesucht.
Übernommen, überleben,
hab mich dafür oft verflucht.
Jahre langen, ausgehalten,
ohne jeden Widerspruch.
Angefangen Haus gestalten
und ich seh den Niederbruch.
Weggenommen, aufgegeben,
Worte, die du mir jetzt sagst.
Dreck bekommen, anders leben,
besser wenn du mich nichts fragst.
Will mir dich doch heiter denken!
Willst du mich nicht weiterschenken?
Ich war ihm niemals treu. Ich war niemals treu. Von Anfang an nicht. Und beim Wesentlichsten nicht. Ich möchte gerne dafür bestraft werden. Aber das hilft mir auch nichts. Bei jeder Demütigung tut mir der leid, den ich dazu bringe, so zu mir zu sein. Normale Menschen gehen mir zu manchen Zeiten aus dem Weg. Abgesehen davon, dass für mich fast alles normal ist. Es ist alles meine Schuld. Ganz allein. Ich werde es einmal noch sagen müssen. Noch nicht jetzt. Es ist zu früh. Ich tue viele Dinge zu früh. Aber das nicht. Alles andere ist egal. Ich bin mir schon ziemlich gleichgültig geworden. Wenn ich jemandem etwas geben kann, tue ich es. Wenn nicht, dann nicht. Ich lebe mit dem Bösen in mir. Ich werde bald sterben, denn die drei Versuchungen bin ich durch – die Angst, die Macht, die Weisheit und dann kommt eben der Tod, was sonst?
la-mamma - 8. Jul, 22:16
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