Donnerstag, 20. Mai 2010

r.i.p.

den großteil des folgenden hab ich aus dem archiv, entschuldigt die wiederholung ...

"die kann das? wirklich?", fragte der vater meiner freundin schwer verwundert, als sie ihm von ihren neuen von mir genähten vorhängen erzählte. ja die kann das, sagte meine freundin, und weiß natürlich nicht, wie stolz ich war, als ich von meinem großvater mit fünfzehn meine erste eigene nähmaschine geschenkt bekam, ein besonders schönes und teures modell, das auch noch für diese vorhänge gut genug war.

Welcher Tag ist heute?
Heut ist Weihnachten, Omi, wir haben doch gerade erst die Lichter am Baum gelöscht.


nähen hab ich nicht in der schule gelernt, sondern bei meiner großmutter, und das war bei weitem lustiger. wenn ich irgendwas vom handarbeitsunterricht mitbrachte, warf sie nur einen kurzen blick darauf, schüttelte den kopf, fassungslos, welchen blödsinn "der hoschpel" - und damit meinte sie selbstverständlich nicht mich, sondern die handarbeitslehrerin - schon wieder angerichtet/verursacht hätte. dann wurde alles aufgetrennt und neu gemacht. bei ihr hatten wir immer schon auf allen maschinen nähen dürfen, einschließlich der nicht elektrischen, bei der mich der riesige unterkasten am meisten beeindruckte. nur gegen die in der schule verschnittenen stoffe war sie machtlos, aber da bei uns sowieso immer stoffe in unmengen angekauft wurden, ersetzte sie halt auch die.

Ah ja, meine Lieben, na Hauptsache wir sind gesund. Kann ich was zum Trinken haben? Welcher Tag ist heute?
Heut ist Weihnachten, Omi, deshalb bist du doch bei uns.


am anfang wusste ich die nähkünste meiner omi noch nicht richtig zu schätzen - immer schaute ich anders aus als die anderen, höchstens gleich mit meiner schwester - und das fiel absolut nicht unter "cool", wenn wir dieses wort damals schon gehabt hätten. allein - in der fünften klasse gab es bei uns misswahlen aller art, an denen sich sämtliche burschen mit hingabe beteiligten. als ich dann das dritte mal zum bestangezogenen mädchen gewählt worden war, beschloss ich es endlich zu glauben, und ein weiterer grundstein für mein - böse zungen nennen es übersteigertes - selbstbewusstsein war gelegt.

Ah ja, Leo, wer sind denn die Leute da?
Das ist deine Tochter und ihr Mann, und das sind die Anna und die Klara, deine Enkelinnen.
Nein, na geh, so groß schon. Und von wem ist das Kind? Hast du zwei Töchter, Klara?
Nein Omi, das ist ein Bub, das ist der Florian. Wir sind die Töchter von der Herta. Die Herta ist deine Tochter.


meine omi hat immer genäht, ihr hat es ihre lieblingsschwester beigebracht. sie war das letzte von sieben kindern in einem bergdorf, hineingeboren noch in den ersten weltkrieg. die anderen schwestern wurden noch nach holland zum arbeiten geschickt, nur die vorletzte, die lieblingsschwester, nicht mehr, die war schon sterbenskrank. der lieblingsbruder wäre gern friseur geworden, das hat der urgroßvater nicht erlaubt, da schoss er sich mit sechzehn in den kopf.

Ah ja, welcher Tag ist heute?
Heut ist Weihnachten, Omi, wir haben doch gerade die Geschenke bekommen.


beim rodeln hätte sie immer gewonnen, hat meine großmutter früher oft erzählt, und dass sie selber dann gleich nach der volksschule (das waren aber acht klassen) den herrn lehrer verführt hätte und nicht etwa umgekehrt. selbstverständlich war der herr lehrer dann auch ihr erster mann und der erste nazi im ort war er wohl auch. mit dem ist sie dann ins tal gezogen, in den markt hinunter, und wir hätten natürlich alle keine ahnung, wie es denn so gewesen sei in den dreißiger jahren, wir sollten nicht blöd daher reden. neununddreißig das erste kind, kein weiteres sollte folgen. nur ein einziges mal hat meine mutter den lehrer gesehen, und kann sich nur an eine tobende gestalt erinnern, der mit der vierjährigen wohl nichts anfangen konnte.

Ah so, ich bin ja so vergessen, na macht nichts, Hauptsache wir sind gesund. Wo ist denn da das Klo?
Nur gerade nach hinten, die erste Tür.-
Wieso sind wir hier, Leo?


nach dem krieg hätten sie vom nähen gelebt, von einem bauernhof zum nächsten seien sie gezogen, das kind immer dabei oder im weg, je nachdem welche der beiden frauen die geschichte nun weitererzählt. dann habe der hannes bei ihnen gewohnt, der sei ein säufer gewesen, sagt die mama, aber einen hund habe er ihr geschenkt, deshalb hätte sie ihn sehr gern gehabt. über den sprach meine großmutter grundsätzlich nicht.

Weil heute Weihnachten ist, das ist deine Familie, die haben uns eingeladen.
Wo sind wir, Leo?
Wir sind in Wien, Greti, weil heute Weihnachten ist.


in den siebziger jahren ließ meine großmutter endlich den lehrer für tot erklären, da heiratete sie den leo. der konnte alle fahrräder und nähmaschinen reparieren, und der war immer unser großvater, einen anderen kannten wir nicht, und mir scheint das fast besser so.

Ah – heut ist Weihnachten – weiß ich doch, kann ich noch was zum Trinken haben?
Es ist genug, Greti, das weißt du doch, du sollst nix trinken.
Ich hab Durst, welcher Tag ist heute?


außer nähen konnte meine omi noch hervorragend geschichten, die nie aufhörten, erzählen und eine handvoll gerichte kochen. dass die ziemlich genau aus schnitzel, kroketten, nusstorte, selbstgezogenem apfelstrudel und lebkuchen bestanden, fanden wir als kinder ernährungstechnisch absolut ausreichend. meine mutter weniger, aber die ist auch sonst viel ernster.

Heut ist Weihnachten, Mama, merk´s dir doch!
Ich merk mir nix mehr, ich weiß es eh. Die Dirndln sind groß, sind das deine?
Nein, ich bin die Klara, du bist meine Omi, die Herta ist deine Tochter.


nie hab ich meine omi ein wirklich unfreundliches wort sagen gehört, nie hab ich erlebt, dass sie irgendetwas nervös gemacht hätte. alles haben wir bei ihr dürfen, nur bei der sirene mussten wir wieder da sein. ein paar wesentliche andere fertigkeiten wie schwimmen, radfahren, reiten, schifahren haben wir letztlich auch bei ihr gelernt. und indirekt verdanke ich ihr mein klavier, denn das habe sie sich für meine mama vom mund abgespart, als die unbedingt eines haben hatte wollen. deshalb darf ich es jetzt nicht hergeben, alle anderen haben zwar im gegensatz zu mir keinen platz mehr dafür aber bedeutendere erinnerungen daran als ich.

Jaja, weiß ich doch, aber zu wem gehört jetzt wieder der Johannes?
Er heißt Florian, Omi, er ist das Kind von der Klara.
Na geh – wie die Zeit vergeht. Na Hauptsache wir sind gesund. Welcher Tag ist heute?


am samstag ist meine omi gestoben, mit fast 94 und alzheimer im allerletzten stadium - wer die krankheit kennt, weiß, was da noch alles dazu gehört ...
der leo ist zwar jünger, aber jetzt auch schon fast 90 und hat sie bis vor zwei jahren fast ganz allein gepflegt. so hätte er sich´s nicht vorgestellt, hat er manchmal gesagt, aber ein bisschen von dem, was sie ihm gegeben hätte, das hätte er gern zurückgegeben.

gestern haben wir sie verabschiedet, im weinroten kleid - selbst genäht natürlich - ist sie dagelegen, mit friedlich wächsern entspanntem gesicht, fast wie ein mädchen hat sie ausgesehen. der halbe ort war da, die liedertafel, die goldhaubenfrauen, der turnverein und die schulfreundinnen meiner mutter.
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Barbara (Gast) - 18. Dez, 05:34

Tut mir leid!

Liebe la-mamma!

Das mit Deiner Omi tut mir sehr leid!

Meine Grosseltern sind schon gegangen. Manchmal bereue ich es, dass ich nicht mehr Kontakt zu ihnen hatte. Als ich klein war, war der Kontakt noch intensiver. Aber dann kam die Scheidung der Eltern und alles ist irgendwie auseinandergebrochen...

Liebe Grüsse

Barbara

testsiegerin - 18. Dez, 13:25

eine berührende geschichte.
bei mir war es die großtante, die immer an der maschine gesessen ist und mir alles genäht hat. aber sie hat auf meine knopflöcher einen fünfer bekommen.

ich bin beim nähen in der schule mal in trance gefallen, durch das gleichmäßige rattern der maschine. und ehe ich mich*s versah, war das kinderkleidchen rundherum zugenäht.

MadProfessor - 19. Dez, 23:04

Omi

klingt so, als wäre sie "eine richtige Omi" gewesen (ähnlich wie "Grossvoda" von den STS).
Hätte ich auch gerne gehabt.

croco (Gast) - 2. Jan, 12:23

Was für eine wunderschöne, und auch traurige Geschichte! Und was für ein Leben, danke für's Erzählen.

walküre - 20. Mai, 19:26

.


Meine Großmutter väterlicherseits wurde schon während meiner Unterstufenzeit stark dement, meine Großmutter mütterlicherseits, die in vielerlei Beziehung moderner war als meine Mutter, ist relativ jung gestorben, als ich noch keine 20 war.

katiza - 21. Mai, 09:41

Mein Beileid von ganzem Herzen, liebe La Mamma.

virtualmono - 21. Mai, 10:17

Herzliches Beileid. Meine Großmutter ist schon vor längerer Zeit gestorben und hat auch eine ziemliche Lücke hinterlassen.

Jossele - 21. Mai, 21:02

Altzheimer, ein Syndrom, Stempel und Selbstläufer, Endität.
Mensch ist alles, und wenn es eine Omi betrifft, da ist viel mehr als ein solches Ende.

mit herzlichen Grüßen
Josef

denkungsart (Gast) - 22. Mai, 00:56

Die Alzheimer-Krankheit (AK)
[http://de.wikipedia.org/wiki/Alzheimer-Krankheit]
(lateinisch Morbus Alzheimer)
Im Jahr 1901 beschrieb der deutsche Arzt Alois Alzheimer den ersten Fall der Krankheit, welche später als Alzheimer-Krankheit bekannt wurde ..

Sternenstaub - 22. Mai, 08:19

hhhmm schicke meine Beileidsbekundungen hier virtuell und hoffentlich am Nachmittag persönlich hinten nach .... glG

hier fehlt was;-)

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