Montag, 2. Juli 2007

Wien ist ganz anders! (bisschen entstaubt aus dem archiv ...)

..aber da die reisezeit wohl da ist ...
dieser beitrag ist natürlich viel zu lang, die zweite hälfte ist aber lustiger als die erste

Nach meinen überaus traurigen Erfahrung bei der Verlegersuche für Qualitätsprosa (– ein einziger Chefradakteur hat das Manuskript noch nicht abgelehnt, was vielleicht daran liegt, dass er es noch gar nicht kennt-) habe ich mich entschlossen, einen Reiseführer zu verfassen. Etwas gewitzter bin ich natürlich mittlerweile auch – ich kündige hiermit nur mehr die Highlights an, bei allfälligem Interesse liefere ich gerne das zweihundertseitige Werk aus meiner Schublade nach.
Als beschriebener Ort schwebt mir mein touristisch völlig unerschlossener Wohn- und Arbeitsbezirk in Wien vor. Zielgruppe sind alle, die glauben, schon alles zu kennen, alle, die sich im Urlaub auf Land und Leute einlassen wollen oder die, die aus Überzeugung und/oder altersgruppenbedingt (fast) nichts ausgeben wollen. Also praktisch jeder, der auch für wirklich gute Belletristik anfällig sein könnte.
Der Inhalt besteht ausschließlich aus Geheimtipps: Zum Beispiel: Vor ein paar Jahren hat in einem ganz uninteressanten anderen Bezirk eine echte Schnapsidee Furore gemacht – zwei recht jugendliche Architekten haben einen Münzbalkon (www.muenzbalkon.com) installiert. Das kann ich locker toppen – mein diesbezügliches Sonderangebot: Balkon mit Aussicht auf den Milleniumtower , das angeblich vierthöchste Gebäude Mittelereuropas. Und mit Einsicht auf mein frisch renoviertes Wohnzimmer, sowie Ansicht einer angeblich ziemlich attraktiven Dame sowie Absicht derselben, zur Unterhaltung beizutragen. Über den Ausschank von Getränken ließen sich Preisabsprachen treffen.
Das eben zitierte Gebäude – nicht mein Balkon, der Turm - ist natürlich auf vielerlei Weisen genutzt. Im Keller des Milleniumtowers habe ich erst kürzlich ein Wohlfühlklo entdeckt, das kostet auch nur lächerliche dreißig Cent, und die haben Sie sicher vorher an den Spielautomaten gewonnen. Auf 2tausendirgendwas Kinosesseln lassen sich die Kinokarten wie in allen grausigen Plexxen, die ich kenne ja zumindest weidlich ausnützen – einmal am Nachmittag Eintritt bezahlen und die Rallye zwischen den bereits etwas länger laufenden Mainstream-Fadessen und dem Programmkino zum Spätesttermin kann losgehen.
Noch billiger kommen allerdings die bei uns im Sommer allenthalben aufgestellten Open-Air-Kino-Leinwände. Die Filme sind jedenfalls besser, und ab und zu gibt es sogar Freibier dazu (www.volxkino.at). Ich schlage eine Fortsetzung auch im Winter vor, da könnte man ja dann Glühwein oder Punsch ausschenken. Und Ihren Pass wird schon keiner verlangen, um allfällige Wahlberechtigungen zu klären.
Wenn das Wetter weiter so schön bleibt (wiener wetter auf www.zamg.ac.at) , kann man stattdessen bei uns auch jederzeit gratis ins Wasser springen – das liegt daran, dass wir hier immer schon auf einer Insel wohnen, neben die eine weitere Insel gebaut wurde. Wer die Bezirksgrenzen nur ein bisschen überschreitet, kommt zu einer Anhäufung schwimmender Lokale, der sogenannten Copa Cagrana, die bei unserer letzten Hochwasserkastastrophe im deutschen Fernsehen sogar zum überschwemmten Stadtteil dramatisiert wurde. Jedenfalls gibt es auf der ganzen Donauinsel (www.donauinsel.at) keine Autos, dafür jede Menge frische Luft, Fahrradfahrer, Inlineskater, Imfreiengriller und Konzerte aller Art, die sich bei schlechterem Wetter und gutem Wind nach vorheriger Absprache auch noch von meinem Balkon verfolgen lassen. Grillen ist bei uns in der Anlage allerdings weniger gern gerochen.
Ein anderes kleines, feines Bauwerk, hätten wir auch noch zu bieten: Die Brigittakapelle (www.wien.gv.at/licht/brigittakapelle.htm) , von der erst kürzlich eine Kollegin von mir behauptete, ein türkischer Sultan hätte einst dort gezeltet und sie als Dank, da er von einer Schwedenkanonenkugel verschont geblieben war, die just neben ihm entweder sehr verzögert oder stark verfrüht eingeschlagen haben muss, errichtet. Wieso es denn keine Moschee geworden sei, konnte sie nicht befriedigend erklären. Mittlerweile haben wir wenigstens eine Moschee in der Nähe, viel lebenswichtiger für mich oder für manche Touristen ist der kleine türkische Supermarkt, der sich auch Konditorei nennt, und bei dem es auch am Sonntag abends ofenfrisches Brot als Gratiszugabe bei einem Einkauf ab 10 Euro gibt. Da die Preise so moderat sind, ist es mir zwar noch nie gelungen, diesen Extrabonus mitzunehmen, aber unsere rigiden Ladenöffnungszeiten tangieren mich seither einfach nicht mehr und lassen Sie als Touristen auch nicht mehr Kopf schütteln!
Und als letztes würde ich dann unsere Bezirksoriginale beschreiben: Meine Schwester, meine Kollegin von oben und den Müller Franz. Eine zusammenfassende Leseprobe:

anm: die zweite hälfte fängt hier an:

Eines stark verregneten Abends ruft mich meine Schwester völlig verzweifelt an – bei ihr wird gerade das Dach neu gedeckt und just jetzt regnet es heftig „durch“. In ihr Wohnzimmer – da steht die neue Couch – in ihr Schlafzimmer – da steht der neue Computer – und wahrscheinlich fängt es in der Küche auch bald an. Die sei aber eher alt, und Auffangbehälter hätte sie sowieso keine mehr. Meinen lapidaren Rat, die Feuerwehr anzurufen, ignorierte sie einfach. Das teilte sie mir aber erst am nächsten Tag mit – sie hätte sich einfach nicht getraut, wegen so einer Lappalie den Notruf zu besetzen … Wie das im Büro so ist, man bespricht ausführlich beim Frühstückskaffee den Tagesarbeitsplan, ich teile alles schön ein, und weil ich die Chefin bin, müssen sich die Leute meine Anekdötchen aus dem Privatbereich notgedrungen auch noch anhören. Sie lachen ein bisschen gequält, und die ganz Mutigen assoziieren dann eigene G´schichterln, die sie dann mir erzählen.
Gerda: „Du – die Feuerwehr kann man aber auch wegen ganz anderer Sachen anrufen!“
Ich: „Ja ich weiß, entlaufene Hunderl, verflogene Vogerl ,….“
Gerda: „Kennst den Müller Franz?“
Ich: „Nein warum?“
Gerda: „Na, ich hab mir gedacht vom Sehen vielleicht?“
Ich „Du, wenn ich Leute vom Sehen kenne, weiß ich immer Vor- und Nachname“.
Dezentes Gelächter des anwesenden Zuhörers.
Gerda: „Außerdem wohnt er über mir, aber das kannst du ja nicht wissen!“
Der Zuhörer: „Du kennst ihn ganz sicher! Den kannst du gar nicht nicht kennen! Ich kenn ihn auch, und ich wohn ganz woanders!“
Gerda: „Außerdem hast du doch früher in der Nähe gewohnt!“
Ich: „Schon, aber ich kenn nur den Wahnsinnigen aus dem 31er (www.wienerlinien.at )!“
Unser Zuhörer: „Den kenn ich auch, der ist es nicht, der wohnt beim XY im Haus!“
Ich: „Ja genau, dem seine Frau fürchtet sich auch! Aber – wolltest du nicht was über die Feuerwehr erzählen?“
Gerda: “Langsam, langsam, hörts mir zu!! Ich werd ja dauernd unterbrochen!“
Gelächter.
Gerda:“ Kennst du so Küchen mit Hängekästchen? So wie man das früher gehabt hat?“
Ich: „Du meinst Nicht-Einbauküchen?“
Gerda: „Schon Einbauküchen, aber es ist eben nicht alles eingebaut!“
Ich gebe zu, dass ich mir hängende Kästchen gerade noch vorstellen kann. (Ich bin unmerklich jünger.)
Gerda:“ Eigentlich ist das gar keine Geschichte über den Müller Franz.“
Unser Zuhörer: „Die Feuerwehr ist bis jetzt aber auch nicht vorgekommen“.
Gerda:“ Der Müller Franz hat nämlich eine Frau, die Helga.“
Wir: „Echt, der hat sogar eine Frau?“
Gerda: „Ja, aber – schade dass du nicht weißt, wer das ist, die Frau passt nämlich so gut zu ihm!“
Wir schauen sie ratlos an, unser Zuhörer gibt zu, dass er die Frau auch nicht kennt.
Gerda: „Na macht nix, ich beschreib sie euch kurz: Sie ist – was man sich so in Inseraten unter vollschrank vorstellt. Ungefähr so:“ und dann holte sie mit beiden Armen ganz weit aus.
Gerda: „Also – eines Tages läutet es bei mir, vor der Tür steht die Tochter! Ganz verweint!“
Wir: „Was – eine Tochter hat der Müller Franz auch?“
Gerda: „Ja, und die war damals höchstens zehn! Und die sagt nur: die Mama, die Mama, bitte komm rauf! Da bin ich natürlich sofort mit hinaufgestürzt. Und dann führt mich die Kleine in die Küche und da hat sich die Halterung von den Hängekasterln wahrscheinlich aus der Wand gelöst und da muss die Helga gerade was in der Küche gemacht haben und da ist die Helga zwischen den Hängekasteln und der Arbeitsfläche darunter …..“
Ganz und gar nicht dezentes Gelächter.
„Und die Helga schreit: Hilf mir, ich komm da nicht heraus … Und da hab ich versucht, die Hängekasterln zu heben, aber ich hab ja nicht so viel Kraft, also nicht einmal zwei Zentimeter in die Höhe hab ich sie gebracht, und da sagt die Helga, bitte ruf den Franz an! Und ich sag, wozu soll ich den Franz anrufen, ist der in der Nähe und so stark ist der ja wohl auch nicht? Und sie sagt, in der Nähe ist er nicht, aber ich weiß nicht, was ich sonst machen soll …“
Ich kürz jetzt ein bisschen: Mit dem Franz wollte die Helga dann unbedingt selber reden, also hat die Gerda der Helga das Telefon zwischen die Hängekasterln und die Arbeitsfläche geschoben, natürlich nachdem sie die Nummer eingetippt hat. Und der Franz hat nicht heimkommen wollen, da hat die Gerda dann halt doch die Feuerwehr angerufen. Das Eintreffen derselben konnte sie aber nicht mehr abwarten, denn wirklich helfen hätte sie der Helga ja eh nicht können ….
Eine Woche später sitze ich mit dem Zuhörer bei unserem Stammchinesen – selbstverständlich auch im zwanzigsten Bezirk. Gleich daneben der Müller Franz. Und warum die Geschichte noch viel lustiger gewesen wäre, wenn ich gewusst hätte, wer das ist, versteht nur, wer den vom Sehen kennt. Ich tus seit fünfzehn Jahren. (www.homepagehaternoch.net)
514 mal angeklickt. oder gar gelesen?

hier fehlt was;-)

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