Sonntag, 8. Juli 2007

0.

Es war einmal ein kleiner Rabe, der wollte wissen, wie seine Zukunft ausschauen würde. Er fragte seine Eltern, die Rabenmama sagte: „Du wirst bestimmt einmal ein sehr freundlicher Rabe werden“ und der Rabenpapa fügte hinzu: „Und ein großer und starker!““ Könnt ihr mir das nicht genauer beschreiben?“ Da schüttelten seine Eltern den Kopf und lächelten. „Dann frag halt wen anderen“, schlug ihm der Rabenvater vor. „Tu das lieber nicht!“ sagte die Rabenmutter, „es ist besser, wenn man nicht alles vorher weiß.“
Natürlich hörte der kleine Rabe nicht auf seine Mutter, und flog stattdessen fort, um jemand anderen zu fragen.

Gleich beim nächsten Baum traf er den Affen. „Weißt du etwas über die Zukunft?“ fragte er den sofort. Da lachte der Affe:„Ich hangle den ganzen Tag von Ast zu Ast, ich freu mich über jede Banane, die ich da finde, was brauche ich über die Zukunft nachdenken? Morgen finde ich wahrscheinlich fünf Bananen, und übermorgen vielleicht sieben, und überübermorgen -“. „So meine ich das doch nicht!“ unterbrach ihn der kleine Rabe: „du sollst mir etwas über mich sagen!“ „Du gehst mich gar nichts an“, kicherte der Affe, „über dich werd ich mir den Kopf zerbrechen, also wirklich“.

Da flog der kleine Rabe weiter und auf einmal war neben ihm die Möwe. „Kannst du mir etwas über die Zukunft sagen?“ „Ei freilich“, erwiderte die Möwe, „es wird manchmal kalt und manchmal warm, und ich muss dann weiterziehen“. „Muss ich das auch?“ wollte der kleine Rabe wissen. „Das kommt darauf an, was du für ein Wetter brauchst“, sagte die Möwe, „bei den Raben kenne ich mich nicht so gut aus.“ Bis jetzt sind wir noch nie weiter gezogen, dachte der kleine Rabe, die Möwe weiß auch nichts.

Da sah der kleine Rabe das Eichhörnchen aus seinem Versteck kommen und fragte es seine Frage. „Nüsse sammeln musst du auf jeden Fall, damit du etwas hast, wenn du einmal keine findest!“ war die Antwort. „Ja aber, ich will meine Zukunft wissen, nicht was ich tun muss!“, rief der kleine Rabe. „Das ist das Allerwichtigste“, betonte das Eichhörnchen, „und verstecken musst du sie auch, damit sie dir keiner wegnehmen kann!“ Der Rabe schüttelte den Kopf . „Meine Zukunft“, sagte er noch einmal leise, aber das Eichhörnchen war zu beschäftigt, um ihm weiter zuzuhören.

Die Tiere konnten dem Raben also nicht helfen, so fragte er die Menschen. Der erste wies ihm den Weg zu einem berühmten Sterndeuter. Der kleine Rabe landete mitten auf seiner großen Sternenkarte. „Sag mir bitte etwas über meine Zukunft!“ „Aber gerne“ erwiderte der berühmte Sterndeuter „es kommt darauf an, wann und wo du geboren bist!“ „Wieso kommt es darauf an?“, fragte der kleine Rabe, „und außerdem weiß ich das gar nicht so genau“. „Das ist aber das Entscheidende, wenn du mir das nicht sagst, kann ich gar nichts ausrechnen!“ „Du kannst die Zukunft ausrechnen?“ freute sich der Rabe. „Deine nicht, das hab ich dir doch gerade erklärt! Außerdem könnte ich dir nur sagen, wo dich die Sterne hinziehen und das machst du dann einfach. Dann würde die Rechnung stimmen. Und jetzt flieg von meiner Karte herunter.“ Der kleine Rabe flog aber natürlich hinauf.

Es muss doch einen Menschen geben, der mir helfen kann, dachte der Rabe, die Menschen sollen doch so klug sein. Die klügsten Menschen seien die Hexen, fiel ihm da ein. Und schon sah er ein Knusperhäuschen mitten im Wald. Dort musste eine wohnen! Sie saß sogar auf der Bank neben der Tür und streckte ihre Hand als Landeplatz aus. „Du willst deine Zukunft wissen!“ stellte sie fest. Das habe ich ihr ja noch gar nicht verraten, dachte der Rabe, die kann mir bestimmt helfen. Und die Hexe fuhr fort:„Da bin ich aber die falsche, ich kann deine Zukunft nur ändern und das kostet natürlich sehr viel Geld.“ „Das hab ich nicht“, sagte der kleine Rabe, „das brauchen wir Tiere doch nicht!“ „Sei froh“, sagte die Hexe, „die, die es haben, ändern meistens das Falsche“. Das verstand der kleine Rabe nicht, aber die Hexe sagte nichts mehr dazu.

Der kleine Rabe war müde geworden. Er flog zurück in Richtung nach Hause, denn es dämmerte schon. Außer ihm war nur mehr der Uhu unterwegs. Obwohl der so grässlich krächzte, fragte der Rabe ein letztes Mal seine Frage. Und er merkte, dass sich der Uhu bemühte sein Gekrächze ein bisschen besser herauszubringen. „Duuuhu, duhuuuu, duhuuuuu“ schallte es im ganzen Wald wieder. „duuuhuuuu kchkchenuckckck kchkcheckchhört! Duuuhuuu,duuuhuuuu …

„Keiner weiß, wie meine Zukunft aussieht!“ beklagte sich der kleine Rabe bei seinen Eltern, „ich bin sehr enttäuscht!“ „Hat dir jemand was Schlechtes gesagt?“ wollte der Rabenvater wissen. „Hat dir jemand Angst gemacht?“ „Eigentlich nicht“ erwiderte der kleine Rabe. „Dann können die Antworten nicht so schlecht gewesen sein!“ meinte die Rabenmutter. Und als der kleine Rabe beim Einschlafen noch ein bisschen darüber nachdachte, fiel ihm auf, dass er den Uhu vielleicht doch verstanden hatte.
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