Donnerstag, 10. November 2016

Obere Donaustraße 9

dieser text gehört zu diesem projekt

Gleich gegenüber war der Herr Joe, der zu meiner Mama immer Frau Beate sagte. Beate ist zwar mein Vorname und nicht etwa der meiner Mutter, sie hat es sich allerdings gern gefallen lassen. Beim Joe gab es alle Putzmittel und alle Besen und Bürsten dazu. Fast jedes Mal musste er auf eine unglaublich hohe Leiter steigen, um das Gewünschte zu holen. Ich weiß heute noch, wie streng seine Scheuermittel rochen.

Daneben lag unser Fleischhauer – da waren wir weit seltener, Fleisch gab es höchstens zweimal in der Woche und auch da kauften wir nicht immer im Geschäft ein, sondern manchmal auch beim Standl des Pferdefleischhauers. Den gibt es sogar heute noch, der ist fast ein bisschen berühmt geworden.

An der Ecke kam dann die Apotheke. Der Sohn der Apothekerin saß in der Volksschule neben mir, für mich war es undenkbar, dass eine Mutter arbeitet, aber es gab schon Ausnahmen. Diesen Sohn hab ich nach genau 40 Jahren auf einer Veranstaltung zufällig wieder getroffen (und erkannt!), der ist nicht einmal weit weg gezogen, aber ich hab ihn dazwischen nie wieder gesehen.

Wichtig war natürlich noch der Bäcker auf der anderen Ecke – der wird gerade umgebaut, da bin ich erst gestern wieder vorbeigekommen. Seine Lieferwägen verparken mittlerweile viel Platz und er war einer der ersten, der die rigiden Ladenöffnungszeiten in Wien recht eigenwillig interpretierte. Der war aber damals ganz klein und hatte wenig Auswahl – eigentlich kann ich mich nur an Brot, Semmeln und Milch erinnern. Viel lieber war uns Kindern ja die „Stangerlfrau“ – eine alte Dame mit zwei langen weißen Zöpfen, die im Park daneben aus einem Riesenkorb Salzstangerl verkaufte, über die freuten wir uns weit mehr, wenn wir sie denn bekamen.

Ich bin beim von allen Fahrschülern am meisten gefürchteten Kreisverkehr Wiens aufgewachsen, an die Geschäfte auf der anderen Seite erinnere ich mich nicht mehr. Ein Gasthaus gab es noch, in dem als besondere Attraktion jahrelang im Fenster der Preis für ein gekochtes Ei lehnte und ein Eissalon war auch in der Nähe.

Richtig weit weg kam mir dagegen schon der Markt vor, aber für alles Obst und Gemüse und für Feinrippunterwäsche dazu, gingen wir jeden Tag nach dem Park da hin. Heut kauf ich dort Lammfleisch, Oliven und Schafkäse.
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iGing - 10. Nov, 14:16

"in dem als besondere Attraktion jahrelang im Fenster der Preis für ein gekochtes Ei lehnte"

;-))) Ja, wegen solcher Dinge mag ich dieses Projekt!

Trithemius - 10. Nov, 14:16

Danke für die Teilnahme am Projekt und den Einblick in die Ladenkultur deiner Kindheit, den du hier gewährst. Die kuriose Geschichte des Eierpreises macht neugierig.

Beste Grüße,
Jules

Trithemius - 14. Nov, 16:23

Liebe Beate,

gerade wollte ich dich lobend erwähnen als eine beispielhafte radikale Kleinschreiberin, da stelle ich fest, dass du davon abgerückt bist. Seit wann und warum nur?

Das fragt mit besten Grüßen,
Jules

la-mamma - 21. Nov, 14:23

das ist bei mir meistens so - ich hab das eigentlich nie als konsequent einzuhaltend betrachtet;-)

ps: vor allem wenn ich einen text mit einem automatischen korrekturprogramm schreibe, ist es manchmal direkt mühsam, alle Großbuchstaben wieder zu eliminieren ...
nömix - 21. Nov, 09:14

Ach ja, der schlimme Gaußplatz – das Waterloo für Legionen von Wiener Fahrprüflingen ;) Bei dem Bäcker hab ich früher auch manchmal eingekauft, wenn ich unterm Wochenend-Nachtdienst dort vorbeifuhr: tatsächlich hatte der oft am Sonntag(!) um sechs Uhr in der Früh schon offen. Bei dem Markt handelt sichs wohl um den Hannovermarkt, wenn ich richtig vermute?

la-mamma - 21. Nov, 14:25

natürlich, das haben sie ganz richtig erkannt!
wobei wir schon auch am karmelitermarkt eingekauft haben - aber seltener, denn der war etwas weiter entfernt und lag nur am weg zum kinderarzt.

hier fehlt was;-)

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